Kultur : Barfuß oder Lackschuh

Rüdiger Schaper

Ein tiefer Resonanzraum, sandgelb wie die Wüste, der Boden dunkelrot von getrocknetem Blut, in der Mitte ein Katafalk oder Opferblock: Das ist der Tempel, in dem die Priesterin herrscht - und gefangen ist. Peter Schuberts Bühnenbild macht Eindruck. Bloß: Hier wird schon viel, zu viel verraten. Die Wände sind bedeckt mit Strichen, wie eine Gefängniszelle. Ein Mensch zählt seine Tage, Monate, Jahre, auf Befreiung und Rückkehr in die Heimat hoffend.

Auch für Thomas Langhoff ist diese "Iphigenie auf Tauris" eine Art Heimkehr - seine erste Inszenierung in Berlin, seitdem er die Intendanz des Deutschen Theaters aufgeben musste. Und hier, am Maxim Gorki Theater, feierte er einst große Erfolge als Regisseur, mit der "Übergangsgesellschaft" von Volker Braun und George Taboris "Mein Kampf". Das ist lange her, und Goethes Antiken-Fantasie ist ebenso ein Nach-Spiel, Epilog zum Trojanischen Krieg. Ein Jahrzehnt sitzt Iphigenie, Agamemnons Tochter, bei den fremden Barbaren, deren König Thoas nobel für sie sorgt, der sie liebt und umwirbt.

Aber davon will Ulrike Krumbiegel, Langhoffs Protagonistin, die mit ihrem Intendanten das DT verließ, nichts wissen. Trotziges Mädchen, spröde, von Heimweh zerfressen, deplatziert versieht sie ihren Tempeldienst. Den Herrscher Thoas achtet sie, den Mann weist sie wütend ab, verhärmt bis zur Hysterie. Es liegt auch an Thoas, dass zwischen den beiden nicht die kleinste Ambivalenz der Gefühle blitzt. Klaus Manchen gibt den Schweiger, den verbitterten Brummbären. Diese Goethe-Inszenierung wirkt schon früh verhärtet, verholzt.

Ein unverstellter Klassiker, gewiss. So genannte texttreue Aufführungen haben wieder Konjunktur. Doch was ist gewonnen, wenn die Schauspieler knarzen und aus Leibeskräften brüllen und sich schweißtreibend in vordergründigen Kraftakten verausgaben? Orest und Pylades, die herbeigewehten Griechen - Iphigenie soll sie nach alter Sitte mit dem Messer opfern -, hüpfen mit zusammengebundenenen Beinen und Armen über die Bühne, als ginge der Plumpssack um. Joachim Meyerhoff als Orest treibt mit hervorquellenden Augen, wilden Grimassen und bellender Stimme den gespielten Wahnsinn auf die Spitze. Orest würgt und stößt seine wiedergefundene Schwester Iphigenie herum, fällt über sie her, als wollte er eine ganze Armee auf einmal niedermachen. Die forcierte Körperlichkeit steht in keinem Verhältnis zur Psychologie des Dramas und der Feinheit der Goetheschen Dichtung. Der Pylades von Tilo Nest hat die Ruhe weg: ein kantiger Schlaukopf wie Odysseus.

Merkwürdig, zu welch groben Mitteln Langhoff greift, um Dramatik zu erzeugen. Trommeln werden geschlagen, wann immer die "Wilden" auftreten. Zum Finale wird das Licht im Tempel an- und ausgeknipst, als hätte der Beleuchtungsmeister einen nervösen Tick. Und warum trägt Scheich Thoas Lackschuhe unter dem Burnus, während Iphigenie barfuß aufstampft?

Peter Schubert hat die Taurier, wahnsinnig aktuell, als Araber stilisiert, mit indianischer Kriegsbemalung. Die Botschaft wird verstanden: Die zivilierten Griechen sind in Wahrheit die Barbaren. Iphigenies Erzählung ihrer Herkunft, die entsetzlich grausamen Geschichten von Atreus, Klytämnestra und Co. mit geschlachteten und gekochten Kindern, Gattenmord und Brudermord, gehört zu den berührenden Momenten dieses Abends. Den Dunkelhäutigen schauderts. Er soll das religiöse Menschenopfer um dieser Frau aus dem blutrünstigen Stamm der Griechen willen aufgeben.

"Iphigenie" als Holzschnitt: Wenig Eleganz findet sich in den Figuren, kaum Geschmeidigkeit im Kampf mit den Worten, dabei eignet diesem Stück eine für die deutsche Literatur höchst ungewöhnliche romanische Leichtigkeit. Gegen Goethes träumerischen Humanismus setzt Langhoff teutonischen Furor, knüppeldicke Ausrufezeichen. Wenn Iphigenie sich zum Lied der Parzen niedersetzt, hört man flüsterndes Stimmengewirr aus der Kulisse, wie einen Chor drohender Souffleusen. Trotzdem: Man soll sich erinnern, dass die Wiege des Abendlandes, der europäischen Zivilisation, auf einem finsteren, blutigen, verfluchten Hügel namens Mykene stand. Dass es wohl keinen Grund zur Selbstüberhebung über andere Kulturen gibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben