Kultur : Barmherzig

Der Menschenrechtler Anatoli Pristawkin ist tot

Er war ein Vorkämpfer für die Rechte der Strafgefangenen in Russland. Anatoli Pristawkin, der gestern Morgen mit 77 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus gestorben ist, hatte von 1992 bis 2001 die vom damaligen Präsidenten Boris Jelzin berufene Begnadigungskommission geleitet, die Pristawkin selbst eine „Insel der Barmherzigkeit in einem Meer von Grausamkeit“ nannte. Als Jelzins Nachfolger Wladimir Putin die Kommission abschaffte, machte er Pristawkin zu seinem Berater für Begnadigungsfragen.

Der 1931 bei Moskau geborene Pristawkin, der am dortigen Gorki-Literaturinstitut studiert hatte, wurde in der Perestroika-Zeit zu einem vielgelesenen Autor, der sich in seinen Werken mit dem Trauma des stalinistischen Terrors auseinandersetzte. Pristawkin, der zur Führung des russischen Schriftstellerverbands und des PEN gehörte, war 1989 Mitbegründer der demokratischen Autorenbewegung „April“. Er war auch mit dem Dissidenten Lew Kopelew befreundet.

Bis heute gilt die Verhängung eines Moratoriums über die Todesstrafe in Russland als ein Verdienst Pristawkins. Bis zuletzt klagte er eine mitleidlose Behandlung des Millionenheeres von Strafgefangenen in seinem Land an. Seine Einblicke in den russischen Strafvollzug verarbeitete Pristawkin literarisch in dem Buch „Ich flehe um Hinrichtung“, das vor fünf Jahren im Münchner Luchterhand Verlag erschien. Es war geschrieben in der Tradition von Solschenizyns „Archipel GULAG“ und transzendierte sein Thema bewusst in ein Genre, das er selbst „Weinen um Russland“ nannte: „Es handelt nicht nur von Häftlingen, von Menschen in der Todeszelle. Es handelt letztlich von uns allen, die wir eingesperrt sind in das kriminelle Straflager, das Russland heißt.“

In Deutschland bekannt wurde er mit den Romanen „Schlief ein goldnes Wölkchen“, der unter dem Titel „Kinder des Sturms“ verfilmt wurde, dem Jugendbuch „Wir Kuckuckskinder“ sowie der Erzählung „Der Soldat und der Junge“. Sie alle spiegeln die Erlebnisse seiner eigenen Kindheit als russisches Waisenkind. Er verbrachte mehrere Kriegsjahre in einem Heim unter den Bedingungen des Stalinismus. Die Barmherzigkeit hatte er in dieser Zeit gelernt, die Schärfe, mit der er den russischen Staat attackierte, auch: Erst beides zusammen erlaubte Pristawkin, eine condition humaine zu erforschen, auf die er einen unvergleichlichen Blick besaß. Tsp/dpa

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