Kultur : Barock Around The Clock

KAMMERMUSIK

Ulrich Pollmann

Delikate Streicherkultur, ungewöhnliches Repertoire und überraschende Programmabläufe, das erwarten die Hörer vom Ensemble Oriol , und sie wurden im Kammermusiksaal der Philharmonie nicht enttäuscht. Ralph Vaughan Williams Fantasie über ein Thema von Tallis von 1910 klingt genau, wie man sich englische Musik vorstellt: beschaulich-schlicht, gelegentlich süßlich, aufrecht und ernst. Rechte Spätromantik war das nicht, gemessen daran, was zur gleichen Zeit auf dem Kontinent komponiert wurde. Bewundernswert, wie homogen Oriol die zarten und aufblühenden Passagen – geleitet von Anna Carewe am Cello, aber ohne Dirigent – gestaltet. Eine kurze Tonbandcollage leitet dann zum denkbar schärfsten Kontrast über: George Crumbs „Black Angels“ für verstärktes Streichquartett gibt sich mit Zitaten des „Dies Irae“ und Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ düster-makaber.

Leider fehlt dem Stück Konsistenz, zu willkürlich wirkt die Mischung aus aggressiven Streicherklängen, Zitaten und Schlagzeugeffekten. Nach der Pause wird es very english: Michael Tippets 1953 komponierte Fantasie über ein Thema von Corelli schwelgt im Schönklang. Immerhin bietet das Stück anspruchsvolle thematische und kontrapunktische Arbeit, die Einbindung der Solisten in die kompositorischen Prozesse ist jedoch fadenscheinig. Zum Schluss blendet das Ensemble bruchlos in Tippets Vorlage, Corellis Concerto grosso Op.6 Nr. 2, über, zur Verblüffung der Hörer. Wunderschön, wie feinfühlich Oriol auf barocke Tongebung umstellte. Corelli hat einen Stil geprägt und war auf der Höhe seiner Zeit. Die anderen Komponisten des Abends nicht.

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