Kultur : Barockoper: Musik für Metropolen

Carsten Niemann

Reinhard Keiser hat es geschafft. Wo immer man Barockoper spielt, gehören die Werke des Wahlhamburgers ins Repertoire - soviel dürfte nach dieser Produktion klar sein. Dabei war die Messlatte hoch angebracht: René Jacobs großartige Staatsopern-Produktion des "Croesus" ist beim Publikum noch im Gedächtnis. Nun schickte sich die Berliner Kammeroper an, die Lücke, die im Berliner Angebot an Barockentdeckungen klafft, mit einem frühen Werk Keisers zu schließen. Die Handlung ist ebenso sperrig wie der vollständige Titel: "Der bey dem allgemeinen Welt-Friede von dem Grossen Augustus geschlossene Tempel des Janus".

Mit der Oper verbeugte sich die Hamburger Oberschicht vor Kaiser Leopold I.: Der Habsburger, der 1697 im Friedensschluss zu Rijswijk den Pfälzischen Erbfolgekrieg beendet hatte, wird in dem Stück mit dem römischen Kaiser Augustus gleichgesetzt. Der Textdichter hat dazu eine Intrigenhandlung gedrechselt, die historisch hoch interessant ist, deren Plot aber manche intellektuelle Beleidigung für den heutigen Hörer bereithält. Wie kann so etwas gut gehen? Es könnte gut gehen, wenn die Inszenierung (Regie: Matthias Remus) mit dem schmerzlichen Wunsch des Barockmenschen spielte, wider besseres Empfinden die beste aller Welten auf der Bühne zu präsentieren. Das tut sie kaum. Es könnte gut gehen, wenn sie die im Libretto geforderte Theatermaschinerie in Gang setzte, in jeder Szene neue Bühnenbilder zeigte und Herrschermacht durch Wachen, Trabanten und Pagen demonstrierte. Das kann sie sich nicht leisten.

Es kann aber auch gut gehen, wenn Eeva Tenkanen auf der Bühne des Hebbel-Theaters steht: Man hat sich gemerkt, dass sie die Agrippina spielt, man weiß, dass sie gefangen gehalten wird, man hat vergessen, aus welchen absurden Gründen. Aber ihre Verzweiflung spürt man, und man glaubt sie ihr in jedem Moment. Und das liegt nicht nur an Tenkanens sinnlichem Sopran, sondern auch an Keisers Musik: Sie präsentiert mit geringsten Mitteln und auf engstem Raum einen Farben- Formen- und Melodienreichtum, den man bei dem berühmteren Händel nicht findet. Abgebrochene Arien, Melodiezitate, Verzierungen im Rezitativ, Ariosi ganz ohne Begleitung: Man kann sich nicht satt hören, wie das mit Intelligenz und Wärme vorgetragen wird (so dass Kleinigkeiten wie ein etwas eng angesetzter Spitzenton oder die eine oder andere sprödere Kantilene nicht ins Gewicht fallen). Stilsicher und mit Esprit musizierte auch die Capella Orlandi unter Thomas Ihlenfeldt, wobei mit einer weiteren Runde Proben und einem Satz Streicher mehr zusätzliche musikalische Wunder möglich gewesen wären.

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