Kultur : Barockoper: Oh, diese Nase!

Uwe Friedrich

In bester Terzenseligkeit besingen Cleopatra und ihr Caesar die Wonnen der Liebe. Am Ende der Barockoper ist kein Platz für Nattern an der Brust, für Tragik, Tod und Verzweiflung. Am Ende steht immer das lieto fine zur Verherrlichung des Herrschers. Das wollte auch Friedrich II. so, als er bei seinem Lieblingskomponisten Carl Heinrich Graun "Cleopatra e Cesare" in Auftrag gab. Am 7. Dezember 1742 wurde mit diesem Werk das Opernhaus Unter den Linden eröffnet, und die Kammeroper Schloss Rheinsberg wollte nun der Aufführungsgeschichte die erste Open-Air-Produktion hinzufügen. Daraus wurde zunächst nichts, die Veranstaltung musste wegen dringender Unwetterwarnung in der Halle stattfinden.

Auf der Bühne sollen einige dunkelgrüne Versatzstücke das Heckentheater andeuten, zwei große Obelisken reichen dem Bühnenbildner Ottowerner Meyer zunächst, um einen Hauch vom barocken Fantasie-Ägypten auf die Bühne zu bringen. Was Regisseur Uwe Drechsel zu der Geschichte um Macht, Liebe und Intrigen zwischen Römern und Ägyptern einfällt, hat jedoch mit modernem Musiktheater nicht das Mindeste zu tun. Gewiss, Grauns Opern spielen sich vor allem an der Rampe ab, sind Virtuosenfutter. Es gibt keine durchgebildeten Charaktere wie etwa bei Händel. Doch einfach nur mittig auf der Bühne zu stehen und mehr oder weniger ausdrucksvoll mit den Armen zu rudern, hätten die jungen Sängerdarsteller gewiss auch ohne Regisseur hinbekommen.

Bei traurigen Arien setzt man sich gerne hin, bei schnelleren Stücken darf auch schon mal mit Schwertern gekämpft werden. Zur großen Schlachtenmusik rennen zwei Männer mit Herrschaftszeichen, wie wir sie aus den einschlägigen "Asterix"-Heften kennen, hin und her. Die beiden müssen auch immer wieder eine riesige Urne mit den Überresten den Feldherren Pompeo rein und raus tragen. Dabei kommt es zum einzigen szenischen Höhepunkt des Abends: Die Bühnenarbeiter kommen zu früh und wollen ihre Urne genau dorthin stellen, wo die Sängerin noch dankbar ihre Hände dem Applaus entgegenreckt. Nach perfekt einstudierter Primadonnenart ignoriert sie die ratlos Wartenden bis der Jubel verebbt. Das war sehr witzig. Ansonsten ist der ganze Abend ein szenischer Totalschaden, weil Uwe Drechsel keine Ahnung hat, welche Geschichte er erzählen will.

Spätestens zur Pause ist jedem Zuschauer klar, dass auf der Bühne nichts Nennenswertes geschieht und man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann. Besonders die Frauen schmeicheln dem Ohr, allen voran Cecilia Lindwall als Lentulo. Ihre große Arie "Porto qual navigante" ist der Abräumer des Abends, hier wird die Affektlehre des Barock unmittelbar erfahrbar, wenn sie die Koloraturen auflädt mit der Angst und Zuversicht des Seemanns im Sturm. Sauber konturiert, rhythmisch exakt und geschmackvoll verziert setzt ihr Gesang den technischen Standard, den Bin Lee als Cleopatra und Dora Kutschi als Cesare zwar halten können, doch erreichen sie in der Premiere noch nicht diesen hohen emotionalen Ausdruck. Die Brandenburger Symphoniker spielten unter Roger Boggasch vom koproduzierenden Theater Hof extrem beweglich, elegant und stets sängerfreundlich.

Dieser Hochgenuss zeigt die Kammeroper Schloss Rheinsberg musikalisch von der stärksten Seite. Nachdem sich die Sängerauswahl in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert hat, sollte Festivalleiter Siegfried Matthus sich nun nach besseren Regisseuren umschauen.

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