Baselitz-Ausstellung : Der Kriegsmaler

In den 1960er Jahren gab es große Empörung über die Werke von Georg Baselitz. Die Rezensenten von "Times" und "Guardian" reagieren auch heute noch angesichts von Hakenkreuzen und nackter Penisse.

Markus Hesselmann
Baselitz
Als Künstler Farbe bekannten. "Mit roter Fahne" (1965).

Noch schnell ein Fototermin – Maler mit Hut vor Gemälde –, dann studieren Künstler und Kurator erste Reaktionen. „Hast du das hier gesehen?“, fragt Norman Rosenthal auf Deutsch. „Gefällt dir das? ‚Der Schlachtermaler' hat die ‚Times' geschrieben, ‚The butcher painter'.“ Der Ausstellungsleiter der Royal Academy of Arts zeigt Georg Baselitz ein paar kopierte Zeitungsausschnitte. „Steht das nur in der Überschrift oder auch im Text?“, fragt Baselitz halb desinteressiert, halb kokett. Immer wieder sprechen der Maler und sein Ausstellungs-Macher in diesen Tagen über die Wirkung der Londoner Baselitz-Retrospektive und erläutern das Einzigartige am Werk des deutschen Künstlers, das die britische Öffentlichkeit nun endlich in seiner ganzen Fülle erkunden kann.

Rosenthal, dessen Eltern einst vor den Nazis fliehen mussten und der in London aufwuchs, verweist auf die „komplizierte Beziehung“ der Briten zur deutschen Kultur. Baselitz betont derweil seine Außenseiterrolle, wo er kann. „Ich bin ein Sonderling", sagt der 69-Jährige in die Fernsehkameras. Er habe sich immer bewusst abgekapselt und versucht, Einflüsse fernzuhalten. Er sei ein deutscher Künstler, der andere Erfahrungen gemacht habe als die Kollegen aus der Popart und der abstrakten Malerei. Damit meint Baselitz vor allem den Zweiten Weltkrieg und die Nazizeit: Themen, die er in seinen Bildern immer wieder aufgreift. „Ich habe Angst, das im Ausland vorzuzeigen“, sagt Baselitz. Er könne verstehen, wenn es dfür schlechte Kritiken gebe.

Baselitz kann kaum noch provozieren

Der Aufschrei dürfte allerdings ausbleiben, wenn die große Baselitz-Retrospektive am Samstag in London eröffnet wird. Es steht zwar tatsächlich nicht nur in der Überschrift, sondern auch im Text: Der Besucher „läuft in die Welt eines künstlerischen Schlachters“, schreibt die „Times“. Doch provozieren wird Baselitz im Jahr 2007 in London mit seinen Bildern, so sehr sie auch Blut, Sperma und Hakenkreuze zeigen, kaum noch. Anders als in den Sechzigern, als sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“, auf dem ein körperlich deformierter Junge bei der Masturbation zu sehen ist, in Berlin wegen Obszönität konfisziert wurde.

„Times“ und „Guardian“ haben das frühe Baselitz-Bild als Hauptillustration ihrer Rezensionen ausgewählt. Den Briten gefällt, dass sich Baselitz auf einen englischsprachigen Dichter beruft. Beide Zeitungen greifen den Katalogtext auf, in dem Georg Baselitz von einer Lesung Brendan Behans erzählt, die der irische Dichterrebell mit offener Hose und gut sichtbarem Penis bestritt. Baselitz habe das Bild gemalt, nachdem ihm schlagartig klar geworden sei, dass Behans Penis eine Kraft hatte, die seine Poesie nicht haben konnte, schreibt die „Times“. Und fügt hinzu: „Wer aus einer Zeit zurückblickt, die mit expliziten Sexszenen wie mit Massenkonsumgütern hausiert, dem mag es schwerfallen, sich das Skandalöse vorzustellen, das diese Kunst einst an sich hatte.“ Immerhin hält der Rezensent des „Guardian“ alles an diesem Bild für grimmig und schmutzig. „Wer es anschaut, möchte sofort duschen.“ Der Titel verweise auf einen einsamen, schrecklichen Abend, könne aber auch auf das „Tausendjährige Reich“ anspielen, „die große Nacht des Faschismus“.

Der Krieg: Gleich im ersten Ausstellungsraum hängen die „Helden“-Bilder aus den Sechzigerjahren, mit denen Baselitz den „neuen Typ“ des verstümmelten Kriegsheimkehrers darstellt. Diese Bilder seien „das Herz der Ausstellung“, heißt es in der „Times“. „Wir verstehen ihre unzeitgemäßen Schlachten nicht mehr“, schreibt die Kritikerin über die Helden-Figuren. „Aber sie stehen immer noch vor uns: große, sture Überlebende.“ Der Künstler sei einer von ihnen.

„Baselitz und seine Frau sprechen immer noch jeden Tag über den Krieg“, sagt Norman Rosenthal. Die Briten des 21. Jahrhunderts nicht mehr ganz so oft.

Royal Academy, London, bis 9. 12.

0 Kommentare

Neuester Kommentar