Kultur : Basta!

Triebe zum Abgewöhnen: Matteo Garrones „Primo amore“ verirrt sich in den Wettbewerb

Peter von Becker

Italien kann sehr kalt sein. Selbst im Frühjahr, wenn die Liebe im Internet auch zu realem Leben erwacht und sich zwei Chatter irgendwo zwischen Verona und Venedig zum ersten Date am Bahnhof treffen. Die schwarzhaarige Sonia findet den kantig kahlrasierten, bis zur Schroffheit wortkargen Vittorio offenbar recht anziehend. Er aber sagt, er habe sie sich etwas schlanker vorgestellt. Und das ist zu Beginn schon die einzige, nicht unkomische Verblüffung des Films. Denn Sonia, eine Boutiqueverkäuferin und Aktmodell auf der Abendschule der Kunstakademie, wirkt überhaupt nicht übergewichtig. Das müsste auch Vittorio sehen, der sie bald darauf als Akt studiert.

Doch Vittorio spinnt. Er ist Goldschmied, er gießt winzige, dürre Skulpturen und hat eine idée fixe: Auch seine neue Freundin soll von ihm leibhaftig modelliert werden. Während Vittorio sich selbst im Ristorante Pasta, Pilze und Steaks bestellt, projiziert er seine Mager-Sucht auf die Geliebte. Bei einem Künstler könnte man dies einen Giacometti- Komplex nennen. Aber Vittorio hat keinen Witz, ist kein Hungerkünstler, sondern ein verklemmter, zwanghafter Möchtegernexistentialist, ein eingebildeter Liebhaber – also eigentlich: ein Liebloser. Und eine furchtbar uninteressante Person – was an dem etwas faden Schauspieler Vitaliano Trevisan liegen mag. Oder doch eher an Matteo Garrones schrecklich verquälter Regie und Erzählarmut.

Garrones „Primo amore“ ist eine erste Liebe zum Abgewöhnen. Die pseudo-dogmatische Wackelkamera, die bedeutungsvolle Klavieruntermalung der „Banda Osiris“ und die bedächtige innere Erzählstimme des Protagonisten – nichts bringt die kalte, zähe Stilübung des 35-jährigen Garrone je in Schwung. Alle Lieblosigkeit würde hier zur Leblosigkeit, wäre da nicht die in ihrem Schmerz und der (zunehmend peinlichen) Demütigung doch noch still (zu still) aufbegehrende Sonia-Spielerin Michela Cescon. Ihr Charme und die Vitalität, die ihr der obsessive, am Ende sadistische Mager-Mann austreiben will, hätten eine aufregendere Obsession verdient, wie einst etwa die junge Catherine Deneuve in Roman Polanskis „Ekel“: auch das ja damals ein Fall von Bulimie, Lebensüberdruss und Autismus.

Alle loben und lieben Dieter Kosslick. Aber diese „Erste Liebe“ war doch eine blinde. Und als Beitrag im Berlinale-Wettbewerb ein Bärendienst. Das wollen wir dem Festival und seinem Direktor schnell vergessen.

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