Kultur : Bau keinen Scheiß, komm nicht mehr rein „Release“: HipHop

aus der Strafanstalt

Philipp Lichterbeck

„Liebe Gefangene! Wer will mit uns an einem Song arbeiten?“ Das Flugblatt, das der Musiker Dirk Dresselhaus alias Schneider TM und der Hörspielproduzent Paul Plamper in zwei Berliner Jugendstrafanstalten aushängen, ist ein Angebot und ein Wagnis. „Es geht darum, einen Ausdruck für die Dinge zu suchen, die Dir auf der Seele brennen“, schreiben sie. Aber ob sich Gefangene melden, ob man mit ihnen arbeiten kann, und ob der Gefängnisalltag überhaupt die Produktion eines Musikstücks zulässt, wissen sie nicht. „In einem System, in dem immer mehr Menschen in Gefängnissen leben, kommt dem Dasein hinter Gittern kulturelle Bedeutung zu“, so Plamper.

Musik als Ventil? Im Sommer 2004 sind Sabrina und Mogli aus dem Frauengefängnis Lichtenberg und Ingo und Rados aus der Jugendstrafanstalt Berlin in Plötzensee dabei. Gemeinsam mit Schneider TM sollen sie über die Gefängnismauern hinweg mehrere Musikstücke aufnehmen, Plamper will den Entstehungsprozess in einem Hörspiel festhalten, das im WDR gesendet werden soll. Es trägt den programmatischen Titel „Release“ und dokumentiert ein Projekt am Rande des Scheiterns.

Der Geduld von Schneider TM ist zu verdanken, dass am Ende tatsächlich drei HipHop Stücke herausgekommen sind, die nun auf CD veröffentlicht wurden. Wenn die zierliche Punkerin Mogli mit ihren Lippenringen sagt, dass sie erst ein „Bierchen“ brauche, „dann kann ick auch reden“, oder wenn Ingo dem „Mistbengel“ und „Zigeuner“ Rados androht, den Kiefer wegzutreten, weil er „nicht aus dem Arsch kommt“, dann kriegt man eine vage Ahnung vom Frust und den Aggressionen der Jugendlichen. Schneider TM reagiert gelassen und lässt sich belehren, dass man sich im Knast nichts gefallen lassen dürfe, weil das sofort ausgenutzt würde.

Über vier Monate schleppten Schneider TM und Plamper ein Tonstudio in die beiden Gefängnisse, jedes Mal wurden sie und das gesamte Equipment aufs Neue gefilzt. Sie hatten dann vier Stunden Zeit für Aufnahmen. Der 20-jährige Ingo, der sich Egon MV nennt, weil er aus dem Märkischen Viertel stammt, ist der Ehrgeizigste. Er hat drei Jahre wegen versuchten Totschlags bekommen. Der Richter sagte zu ihm: „Sie sind eine Waffe, die eingefroren werden muss.“ In elf Wochen ist der einnehmende, aber wegen seiner bulligen Statur latent bedrohlich wirkende Bursche mit dem rasierten Schädel draußen und hofft, dass sein Rap-Stück auch mal im Radio laufen wird. In dem Song, den er dem entlassenen Freund Chicko gewidmet hat, heißt es: „Bau keine Scheiße, komm nicht mehr rein, draußen ist das Leben, wo es sich lohnt, zu leben.“

„Release“ ist gerade beim Label Lieblingslied Records erschienen.

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