Kultur : Bau mir das Land, wo die Zitronen blühn

Eine Ausstellung über den Architekten Ludwig Persius in Schloss Babelsberg

Michael Zajonz

Die Episode ist bezeichnend. Als sich die „Friends of Schinkel“ kürzlich in Berlin trafen, wuchs die Ehrfurcht vor dem großen preußischen Klassizisten mit jedem Vortrag. Auch Ludwig Persius, Schinkels Meisterschüler, wurde bedacht. Doch der ehemalige Potsdamer Planungsamtsleiter Richard Röhrbein, der dem Werk des „Kollegen Persius“ allerlei postmodernen Kitsch zur Seite stellte, erregte keinen Widerspruch. Auf Schinkel, den Unantastbaren, beruft man sich gern. Persius hingegen gilt noch immer als Epigone.

Im Jahr seines 200. Geburtstages (siehe Tsp vom 14. 2.) tritt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten an, den verkannten Rang mit einer Ausstellung zu korrigieren. Zugegeben: Das Siegertreppchen der deutschen Baukunst vor 1850 muss auch nach dem Rundgang im Schloss Babelsberg nicht neu geordnet werden. Doch Persius, dieser Vollender und – er starb mit nur 42 Jahren – Frühvollendete, ist allemal architekturhistorisches Umdenken wert.

Dem Sohn eines Potsdamer Weinhändlers wurde die Karriere im preußischen Bauwesen ebenso wenig wie seinem Lehrmeister in die Wiege gelegt. Auch er war ein Eigengewächs der Berliner Bauschule. Doch anders als Schinkel erfuhr er seine Prägung nicht durch eine Italienreise. Seine Italianità ergab sich aus zweiter Hand, im märkischen Dauereinsatz für König und Vaterland. Schon vor der Baumeisterprüfung 1826 wurde Persius zu Schinkels bevorzugtem Bauleiter in Potsdam. Dieser Stadt widmete er auch später, ab 1842 als „Architekt des Königs“, fast seine gesamte Arbeitskraft. 1845 – der Bau der Friedenskirche nach dem Vorbild der römischen Basilika St. Clemente hatte gerade begonnen – durfte Persius dann doch noch nach Italien reisen. Makaber lesen sich heute die Maßregeln König Friedrich Wilhelms IV.: „Recht sauber leben, keinen italienischen Wein trinken. Aufträge für die Beschaffung von Marmor.“ Unmittelbar nach seiner Rückkehr starb Persius an Typhus.

Glienicke, Charlottenhof, Babelsberg – auf den Landsitzen der Hohenzollernprinzen spürt man noch immer die glückliche Konstellation ihrer Entstehung. Ab 1820 trafen in Potsdam kongeniale Partner zusammen: neben Schinkel und Persius der baubegeisterte Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV., die Gartengestalter Lenné und Pückler, die Brüder Humboldt als humanistische Ideengeber. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand aus der barocken Soldatenstadt ein gebautes Kompendium des 19. Jahrhunderts. Vom Schweizerhaus bis zur Moschee: In Potsdam fehlte nichts, was an europäischen Höfen en vogue war.

Diesen – noch längst nicht ausgereizten – geistesgeschichtlichen Horizont deutet die Potsdamer Ausstellung nur vage an. Persius wird als Mann der Praxis eingeführt. Neben ersten Arbeiten als Landvermesser stehen frühe Nachzeichnungen des von Schinkel entworfenen und durch ihn gebauten Hofgärtnerhauses, jener italienisch-schönen fabbrica am Ufer des Maschinenteichs von Charlottenhof. Ein stiller Genuss immerhin, beider Darstellungen zu vergleichen. Der zweite Blick offenbart: Schinkels pointierter Zeichenstil blieb Persius bei aller Einfühlung im Detail fremd. In seinen ab den 1830er Jahren entstandenen eigenen Bauten führt er jedoch Schinkels Spielart des „Italienischen Villenstils" kongenial weiter. Die Villa Jacobs (1836), die noch Anfang der achtziger Jahre abgerissen wurde, zählte mit ihren ineinander verschachtelten Baukörpern zu den bedeutenden Landhäusern ihrer Zeit. Aufsehen erregte auch sein 1837 bezogenes eigenes Haus. Dieser radikale, aus zwei Kuben gefügte Bau – auch er ist verloren – besaß ein flaches, nach innen entwässerndes Impluviumdach. Bei der Villa Tiedke oder der unlängst hergerichteten Meierei im Neuen Garten bewährt sich die elaborierte Dachform noch heute.

Diese Mischung aus technischer Innovation und gestalterischer Komplexität spricht nicht per se aus den ausgestellten Blättern – eine Crux jeder Architekturpräsentation, sobald sie auf moderne Medien verzichtet. Kurator Stefan Gehlen gruppiert sein Material – historische Zeichnungen, Gemälde und Aquarelle, Modelle und Bauplastiken – traditionell: teils nach Bauaufgabe, teils stilistisch. Ist es die dichte Hängung, sind es die abgedunkelten Räume? Der Künstler Persius wird nicht zum Leuchten gebracht.

Mit Lenné befreundet, mit einer Tochter des Hofgärtners Hermann Sello verheiratet; weder Privatleben noch Werk sind ohne die Ressourcen der Potsdamer Kulturlandschaft denkbar. Doch schon 1840 ging es Friedrich Wilhelm IV. darum, die „affreuse Silhouette der Stadt“ zu entschärfen. Deshalb zwang er Industriebauten in historische Stilkleider. Mit dem „Normännischen Burgenstil“ erfüllt Persius den königlichen Wunsch. Industrialisierung und landschaftlicher Totalitätsanspruch: Zwischen diesen Polen bewegt sich auch das Werk von Ludwig Persius, selbst im geschützten Kunstraum Potsdam. Und doch zeugt beinahe alles, was er in knapp 15 Jahren entwirft, vom bedingungslosen Willen, es in die Landschaft einzupassen.

Dass dieser Zauber noch im Verfall wirkt, wird im zweiten Obergeschoss deutlich. Die Kunstwissenschaftlerin Sibylle Hoiman hat aktuelle SchwarzWeiß-Fotografien von Hillert Ibbeken durch historische Aufnahmen erhaltener Persius-Bauten ergänzt. Im oktogonalen Arbeitszimmer Kaiser Wilhelms I. – erstmals seit Jahrzehnten zugänglich – schaut man jedoch besser gleich aus den Fenstern; auf die Weite des Parks wie auf das bröckelnde Schloss Babelsberg. Auch wenn Persius die Fertigstellung seines grandios-flamboyanten Tanzsaals nicht mehr erleben konnte: Nach Ausstellungsende wäre mit der seit Jahren geplanten Generalsanierung für seinen Nachruhm am meisten getan.

Schloss Babelsberg, 20. Juli bis 19. Oktober. Katalog im Verlag Schnell & Steiner, 29 €, Architekturführer zu allen erhaltenen Persius-Bauten 12 €.

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