• Bau-Museum Berlin: Alfred Messels Genossenschaftswohnungen machten Schluss mit dunkler Enge

Kultur : Bau-Museum Berlin: Alfred Messels Genossenschaftswohnungen machten Schluss mit dunkler Enge

Nikolaus Bernau

Das Trauma Berlins ist die Mietskaserne. Der Geruch nach Kohl, Wäsche und Schweiß, die gepresste Nähe der Menschen, der Mangel an Sonnenschein, der Überfluss an Streit, die feuchten Wände - das alles sind Metaphern, welche die Großstadtromane der ersten Jahrhunderthälfte beherrschen. Generationen von Stadtplanern und Architekten der Moderne wuchsen auf mit dem Hass auf die stuckierte Pracht des Vorderhauses. "Vorne hui, hinten Pfui", das war Anklage gegen die Doppelmoral der kapitalistischen Gesellschaft. Nicht wenige suchten hier selbst die Wurzel der Nazizeit: Hätten die Arbeiter bessere Wohungen gehabt, wären sie sich nicht zu den Radikalen auf der Linken und der Rechten übergelaufen, die die Demokratie seit 1929 erstickten.

Bis heute nutzen die Wohnungsbaugesellschaften geschickt dies Trauma, um ihre Ziele durchzusetzten. So wird immer noch das Foto von "Meyers Hof" im Wedding als Normal-Fall gezeigt. Mit ihm konnten in den sechziger bis achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Flächenabrisse im Wedding oder die Verwahrlosung Kreuzbergs legitimiert werden. Dabei ist schon lange erwiesen, dass solch finstere Bedrängnis selbst in Berlin die Ausnahme war. Aus heutiger Sicht war die Mietskaserne auch ein Erfolg. Zwischen 1871 und 1919 wuchs Berlin von 900 000 auf 3,7 Millionen Menschen. Durch die enorme Verdichtung gelang es, dem größten Teil von ihnen wenigstens ein spärliches Obdach zu geben, ohne Hüttenslums entstehen zu lassen. Gleichzeitig waren die Wege zur Arbeit - etwa im Vergleich zu London - kurz, und die Mark Brandenburg blieb als Naherholungsraum und landwirtschaftliches Hinterland erhalten.

Dennoch war um 1890 die Wohnungssituation in Berlin ein andauernder öffentlicher Skandal geworden. Die Mieten stiegen in nur zehn Jahren um 75 Prozent, Krankheiten grassierten, in Wedding starb ein Drittel der Kinder noch als Säugling. Die Gründung des genossenschaftlichen "Bau- und Sparvereins zu Berlin" durch bürgerliche Reformpolitiker brachte 1892 erstmals ein Modell für effiziente Abhilfe. Sie sagten mit Arbeiterfürsorge und Selbsthilfe der Ausbeutung durch die Wohnungbesitzer an.

Der "BSV" wurde zum organisatorischen, aber auch architektonischen Vorbild. Sein Chefentwerfer war bis 1902 der Hausarchitekt des Berliner Großbürgertums, Alfred Messel. Er konnte es sich leisten, bis zum Beginn eines schweren Herzleidens unentgeltlich für das Projekt Wohungsrefom zu arbeiten. Vier Mietshauskomplexe wurden von ihm für den Verein geplant: an der Moabiter Sickingenstraße (1894) und in Westend (1896, zerstört 1977), an der Proskauer Straße in Friedrichshain (1897) und an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg (1900). Mit Valentin Weisbach, einem der reichsten Bürger Berlins und unermüdlichen Philantrophen, baute er 1898 zudem die große Wohnanlage mit Wohlfahrtshaus an der Weisbachstraße.

Alle diese Anlagen erregten Aufsehen, die Proskauer Straße erhielt 1900 eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung. Denn Messel löste sich vom düsteren Schema der Mietskaserne, ohne ihren großen Vorteil, die städtische Verdichtung, aufzugeben. Es entstanden Wohnungen mit Querlüftung, Balkons, Innentoiletten und ausreichenden Küchen, mit gärtnerisch gestalteten, luftigen Innenhöfen, gemeinsamen Räumen zum Wäsche waschen und als Treffpunkte. Das in die Ecken von Vorderhaus und Seitenflügel geklemmte finstere "Berliner Zimmer" wurde verbannt. An diese zum Wohnen unbrauchbare Stelle kamen nun - ein Geniestreich - die Treppenhäuser. Die malerischen Fassaden zeigten erstmals auch außen die Zahl der Kleinwohnungen durch Balkons und unterschiedliche Fenster. Das Dekor war sparsam, ohne ärmlich zu wirken.

Messels Häuser wurden für drei Jahrzehnte zum Vorbild. Sein Schüler Paul Kolb errichtete 1905 ähnliche Bauten am Weddinger Nordufer, und selbst Erich Köhn, Architekt des konservativen Beamtenwohnvereins, übernahm 1904 im "Helenenhof" in Friedrichshain das Modell. Wie die Bauten des BSV wurde die Anlage jünst denkmalpflegerisch vorbildlich saniert. Hier ist alles etwas größer und repräsentativer als bei Messels Arbeiterwohnungen. Doch die Fassaden wurden ebenso sparsam verziert, offene Höfe mit Bäumen und Grünanlagen geschmückt, Balkons locker verteilt. Die äußerliche Repräsentation wuchs aus der inneren Qualität der Wohnungen.

Ein Problem aber konnten weder der "BSV" noch die meisten seiner Nachfolger lösen: Die Wohungen waren für den einfachen Arbeiter schlichtweg zu teuer. Sie mussten sich mit den Quartieren begnügen, welche die Facharbeiter und Angestellten in den Mietskasernen freimachten. Dennoch waren die Genossenschaftsbauten von Messel der erste erfolgreiche Versuch, dem Trauma des Hinterhofes zu begegnen und trotzdem die Dichte der Großstadt zu bewahren.

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