Kultur : Bau schau wem

Frank Peter Jäger

Unter dem Motto "Baukultur in Deutschland" lädt Bundesbauminister Kurt Bodewig zu einem Kongress nach Köln: Auf der am 3. Dezember beginnenden Veranstaltung wird die vor einem Jahr ins Leben gerufene "Initiative Baukultur" zur Situation der Architektur in Deutschland berichten und erste Empfehlungen geben. Die bisherigen Veröffentlichungen der Initiative geben allerdings nur vage Hinweise darauf, was sie konkret bewirken will. Fest steht: Abgesehen von wenigen außergewöhnlichen Projekten wie Reichstag, Jüdisches Museum Berlin oder Bundeskanzleramt spielt Baukunst in der Bundesrepublik - anders als in den Niederlanden oder in Skandinavien - weder in der öffentlichen Diskussion noch in der Politik eine nennenswerte Rolle. Anspruchsvolles Bauen habe keine potente Lobby, daher liegt auch der deutsche Architekturexport brach, heißt es im Programm der Initiative. Welche Weichen müssten also gestellt werden?

"Wer das Thema Architekturvermarktung mit dem Stichwort Baukultur in Verbindung bringt, zeigt wenig Kompetenz. Denn beides hat nichts miteinander zu tun," meint Kristin Feireiss, die seit 20 Jahren die Berliner Architekturgalerie Aedes betreibt. Bauen müsse endlich als Teil der Kultur wahrgenommen und auch so präsentiert werden: "Warum inszenieren wir Verleihungen von Architekturpreisen nicht wie eine Filmgala?" In erster Linie sei Baukultur auf ein starkes privates Engagement angewiesen: "In anderen Ländern ist es für Bauherren zum Beispiel Ehrensache, junge Architekten zu fördern." Für wünschenswert hält die Architekturpromoterin ein "interdisziplinäres und internationales Gremiums" zur Förderung der Baukultur in Deutschland.

Vorher müsse aber Klarheit darüber bestehen, was darunter zu verstehen sei, erwidert Ingeborg Flagge, Direktorin des Deutschen Architektur Museums (DAM) in Frankfurt. Karl Ganser, bis 1999 Chef der Bauausstellung Emscher-Park und Mitinitiator des Kongresses, hat konkrete Vorstellungen, wie das Gremium zusammengesetzt sein sollte: "Ich denke an einen Konvent, in den all jene berufen werden, die in den letzten Jahren Architekturpreise gewonnen haben." Ergänzend stellt er sich eine Bundesstiftung für Baukultur vor, "die einen Jahresbericht verfasst, Gutes lobt, aber auch schwarze Schafe benennt." Anstelle des Zirkus um Prestigeprojekte müsse die große Zahl der alltäglichen Bauaufgaben besser gelöst werden, meint Ganser. "Es kann nicht sein, dass sich ein deutsches Unternehmen sein Headquarter von einem Star-Architekten hinsetzen lässt, aber die übrigen 90 Prozent seiner Gebäude Schrott sind."

Als bestes Mittel für eine Qualitätssteigerung erscheint Klaus Theo Brenner, Städtebauprofessor in Potsdam, die Verpflichtung öffentlicher wie privater Bauherren auf ein bestimmtes architektonischen Niveau: "Wohnungsbauförderung und steuerliche Abschreibungsmodelle müssen an qualitative Bedingungen gekoppelt sein." Solche Programmme sollten nach Meinung von Franziska Eichstädt-Bohlig, der baupolitischen Sprecherin der Bündnisgrünen, die Bauwirtschaft einbeziehen. Außerdem gelte es, sich dem Boom der Fertigbauten zu stellen: "Auch die Bauproduktion von der Stange muss ästhetischen Regeln gehorchen." Und Matthias Sauerbruch, Koordinator des Architektur-Weltkongresses 2002 in Berlin, glaubt, dass Deutschland vom hohen Norden lernen kann: "Das finnische Gestaltungsgesetz formuliert ein Grundanspruch auf eine wohlgestaltete Umwelt, quasi gute Architektur als Bürgerpflicht - das ist doch sehr nachahmenswert."

Städteplaner Albert Speer erlebte in China, wie wirkungsvoll staatliche Unterstützung für Architekten sein kann: "Der französischer Mitbewerber um den Bau des Opernhauses in Peking wurde vom französischen Staatspräsidenten persönlich unterstützt - und bekam den Zuschlag." Zwar sieht Speer die politische Protektion für Architekten mit Skepsis, doch "ist es unübersehbar, dass wir mit überzeugender politischer Unterstützung bessere Chancen im Ausland hätten".

Axel Schultes befürchtet, dass die Baukultur-Kampagne eher Selbstzweck ist: "Das ist eine Veranstaltung für BDA-Funktionäre. Die haben so wenig Ahnung von der Sache, dass das Debattieren wohl keinen Schaden anrichten wird", sagt der Erbauer des Bundeskanzleramtes. Karl Ganser teilt diese Einschätzung nicht, ist aber skeptisch: "Die Gefahr besteht, dass die Initiative ins Stocken kommt, bevor sie richtig begonnen hat - ich werde in Köln alles dafür tun, damit das nicht passiert."

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