Bauakademie : Nachwuchsarchitekten gegen die Fassadenkletten

Zur Rekonstruktion von Berlins Bauakademie fehlt das Geld. Die "Plattform Nachwuchsarchitekten“, die sich schon öfter kritisch in Stadtplanungsfragen zu Wort meldete, hat einen eigenen Ideenwettbewerb für das Grundstück ausgelobt. Um die Diskussion anzuregen.

Kolja Reichert
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Treppenwitz. Frank Rudolphs Alternativentwurf für Schinkels Bauakademie in der Mitte Berlins. Die Fassade wird als historisch...

Der Friede war trügerisch. Ungestört von der Öffentlichkeit konnten bislang die mit einer Attrappe aus Gerüst und Plastikplanen angeschobenen Pläne für den Wiederaufbau der preußischen Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel gedeihen. Diesen Sommer soll feststehen, wer das Gelände etwas abseits des Schlossplatzes erwirbt und sich als Bauherr verpflichtet. 2010 soll es losgehen. Nun rührt sich Kritik.

Die „Plattform Nachwuchsarchitekten“, die sich schon öfter kritisch in Stadtplanungsfragen zu Wort meldete, hat einen eigenen Ideenwettbewerb für das Grundstück ausgelobt. Um die Diskussion anzuregen. Die Ergebnisse sind bis Freitag in der Architekturgalerie Aedes zu sehen. Das Netzwerk kritisiert unter anderem, dass der Verein „Internationale Bauakademie Berlin“, der sich seit 2001 für den Wiederaufbau einsetzt, seit fünf Jahren kostenlos öffentlichen Grund nutzen darf, um mit großformatigen Werbeplakaten Einnahmen zu generieren.

Der in der Ausstellung gezeigte Entwurf des Berliners Uli Heckmann parodiert die Situation, indem er „Schinkels erstes Hochhaus“ vorschlägt, eine Erweiterung des quadratischen Gebäudes um neun weitere Geschosse. Während der Bauzeit könne die volle Fassade zu Werbezwecken genutzt werden. So tobt am Schlossplatz, dem verminten Schlachtfeld der jüngeren Architekturgeschichte, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne weiter. 1832 bis 1836 errichtet, wurde Schinkels Bauakademie im Zweiten Weltkrieg zerstört, die Reste wichen 1962 dem DDR-Außenministerium.

Nach dessen Abriss setzte sich der Förderverein Bauakademie für den Wiederaufbau ein. Die Nord-Ost-Ecke steht schon seit sieben Jahren. 2001 wurde auf Initiative des Senats und der staatlichen Museen der „Verein Internationale Bauakademie“ gegründet, mit Architekt Hans Kollhoff als Präsident. Es ist die Fraktion der Traditionalisten um den ehemaligen Bausenatsdirektor Hans Stimann, die hier im Begriff steht, sich einen symbolträchtigen Raum zu schaffen, eine Festung der Rekonstruktionsanhänger. Denn die Bauakademie soll nicht nur wiederhergestellt werden, sondern Architekturmuseum, Forschungseinrichtung und Eliteinstitut für junge Architekten sein. Der Senat schreibt dem künftigen Investor neben der originalgetreuen Rekonstruktion vor, 75 Prozent des Gebäudes kostenlos der Akademie zur Nutzung zu überlassen.

Theresa Keilhacker von den Nachwuchsarchitekten sieht hier öffentliches Eigentum ohne Legitimation an eine private Organisation veräußert. „Wie kommt denn so ein Verein zu dieser Ehre? Da würden wir uns auch gerne bewerben“, scherzt sie. „Wir haben so tolle Architekturinstitutionen in der Stadt, da muss man doch nicht einem ideologisch geprägten Verein den Vorzug geben, der noch dazu keine Eigenmittel mitbringt.“

Da werden allerdings die Gegner heruntergespielt. Neben den staatlichen Museen ist die Technische Universität beteiligt, die (selbst aus der Bauakademie hervorgegangen) mit der ETH Zürich die Akademie aufbauen soll. „Ich wüsste nicht, warum diese Institutionen nicht geeignet sein sollen“, entgegnet Architekt und Vereinssprecher Paul Kahlfeld.

Schwer zu übersehen ist gleichwohl die konservative Ausrichtung des Vereins, der mit der Nachbildung von Schinkels Ziegelfassade den Anschluss an den Glanz vermeintlich ewig gültiger Gesetze der Baukunst möchte. Dabei setzte sich Schinkel mit der wegweisenden Konstruktion eines mit Klinkern verkleideten Stahlskeletts selbst gegen die Traditionalisten ab und schuf einen Ausdruck für das Industriezeitalter. Florian Afflerbach aus Stuttgart treibt in seinem Alternativentwurf die Rasterstruktur auf die Spitze und lässt die Fassade gleich ganz weg. Ein Albtraum für Rekonstruktionisten. Ein praktisch unbrauchbarer Entwurf. Aber eine pointierte Herausforderung.

177 Architekten haben sich für den Wettbewerb gemeldet, 20 Entwürfe eingereicht. Niemand erwartet hier realisierbare Alternativen. Das Mindeste, was die Aktion schaffen kann, sind bildstarke Karikaturen der bestehenden Pläne. Oder eben Entwürfe, die Wege jenseits der Originaltreue plausibel machen. Wie der von Sebastian Schuttwolf, der Schinkels Konstruktion mit heutigen Möglichkeiten weiterdenkt. „Die Schwere des Mauerwerks, die schon Schinkel aufzulösen versuchte, kann durch moderne Bautechnik völlig aufgelöst werden“, sagt er und schlägt einen Stahlbetonskelettbau vor.

Schinkels Bauweise ist anders als beim Schloss unumstritten. Sie wird auch von jüngeren Architekten als zeitgemäß empfunden. Die Klinkerfassade aber nicht. Bei Frank Rudolph wird die Fassade vollkommen zum Zitat, als freistehende Rückwand einer riesigen, zum Schlossplatz hin geöffneten Freitreppe. Zumindest im Kopf wird so der Ort wieder für die Allgemeinheit zugänglich.

Seit fünf Jahren suggeriert der provisorische Hohlkörper mit Fassadenaufdruck an dieser Stelle vollendete Tatsachen. Dabei kann momentan niemand sicher sagen, wie es mit dem Wiederaufbau weitergeht, der ursprünglich schon 2006 abgeschlossen sein sollte. Letztes Jahr kündigte der Unternehmer Hans Wall unter großem Beifall an, die veranschlagten 20 Millionen Baukosten zu spenden. Nun muss er sich allerdings der EU-weiten Ausschreibung des Grundstücks stellen, die dem künftigen Eigentümer wenig Spielraum zur wirtschaftlichen Verwertung lässt. Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise schlägt Wall eher vorsichtige Töne an. Dass sich das Verfahren hinziehe, komme „nicht ungelegen“, sagte er dem Tagesspiegel. Ob er die Aufgabe am Ende leisten könne, sei nicht abzusehen. Er sei noch im Verfahren, zusammen mit einem anderen Bewerber. „Ich habe den Traum noch nicht ausgeträumt.“

Bislang scheint ein stillschweigender Konsens darüber zu herrschen, dass die Pläne für den Schinkelplatz 1 von „übergeordnetem Interesse“ sind, wie Kahlfeld es nennt. Sicher ist zumindest, dass die Öffentlichkeit kaum Anteil nimmt. Aktionen wie die der Plattform Nachwuchsarchitekten können dem entgegenwirken. Es gibt viel zu wenige davon.

Eröffnung der Ausstellung „Alles Fassade oder was?“ heute, 18.30 Uhr bei Aedes, Christinenstr. 18–19. Zu sehen bis Freitag, 12. 6., 11 bis 18.30 Uhr.

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