Bauakademie : Was der rote Backstein lehrt

Die Wiedererrichtung von Schinkels Bauakademie zieht sich hin. Sie ist eine öffentliche Aufgabe, kein Objekt für Investoren.

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Denkmal und Attrappe. Auf dem Schinkelplatz erinnert schon so manches an den großen Architekten. Doch der Wiederaufbau der Bauakademie kommt nicht voran.
Denkmal und Attrappe. Auf dem Schinkelplatz erinnert schon so manches an den großen Architekten. Doch der Wiederaufbau der...Foto: Thilo Rückeis

Voller Sorge schaut Karl Friedrich Schinkel von seinem blauen, mit goldenen Sternen gesprenkelten Himmelszelt herab auf die Berliner Spreeinsel: Was wird aus seiner geliebten Bauakademie? Auf der Nachbarwolke zeigt Walter Gropius gut gelaunt auf sein Bauhaus in Dessau: Es strahlt in frischen Farben.

Es gibt in Deutschland zwei kulturgeschichtlich bedeutende Bauschulen, die als Ausbildungsstätte und als Bauwerk Schule gemacht haben – das Bauhaus in Dessau und die Bauakademie in Berlin. Ihre Baumeister waren beide zu ihrer Zeit Wegbereiter einer neuen Architektur. Bauhaus und Bauakademie sind ihre gebauten Lehrbücher und Testamente. Das Weltkulturerbe Bauhaus Dessau dient heute wieder Forschung, Lehre und Gestaltung und wird als Stiftung durch Land, Bund und Stadt gefördert. An die Bauakademie erinnert vorläufig nur eine Plastikplane.

Im Februar 1945 war die Bauakademie nach einem Bombenangriff ausgebrannt. Bereits im Rohbau wiederhergestellt, wurde sie 1961 abgerissen. Sie war in die Sicherheitszone des ZK der SED im Reichsbankgebäude geraten und musste dem Außenministerium der DDR weichen. Dessen Hochhausscheibe wurde 1995 zurückgebaut, der historische Platz ist frei für den Wiederaufbau.

Anders als beim Berliner Schloss hat es um den Wiederaufbau der Bauakademie kaum Auseinandersetzungen gegeben. Der Berliner Senat unterstützt die Bestrebungen aus der Bürgerschaft durch seine städtebauliche Planung. Der Schinkelplatz ist mit Brunnen und Denkmälern wiederhergestellt. Von ihren Sockeln grüßen Beuth, Schinkel und Thaer, die Förderer von Preußens Gewerbe, Bauwesen und Landwirtschaft. Der Bebauungsplan „Friedrichswerder Nord“ setzt die Bauakademie in ihren Umrissen fest und orientiert sich am historischen Stadtgrundriss. Vorsorglich ist der Verkauf der sieben Grundstücksparzellen mit Auflagen verbunden, strengen Gestaltungsregeln sowie Architektenwettbewerben. Die geplante Neubebauung am Schinkelplatz, überwiegend Wohnungen, erstreckt sich mit markanten Kopfbauten als länglicher um einen Innenhof geschlossener Baublock von der Kommandantur zu einem kleinen Stadtplatz Am Werderschen Markt. Die fünfgeschossigen Bauten sollen mit 19 Metern unter der Höhe der Bauakademie von 22 Metern bleiben. Zum Schinkelplatz bieten fünf stattliche Häuser eine ruhige Front. Auf der kleinteiligeren Rückseite können zehn Stadthäuser entstehen. Vorgaben zu Formenspiel und Farbspektrum lassen die Putzfassaden der neuen Häuserzeile als Passepartout wirken, vor dem die historischen Backsteinsolitäre hervortreten. Ein schrilles Stil-Potpourri postmoderner Townhouses, bunter Kontrapunkt vor dem Massiv des Reichsbankgebäudes, wäre hier fehl am Platz. Die vertraute Häuserzeile am Kupfergraben gegenüber dem Pergamonmuseum fände ihre Fortsetzung. Das alles ist gut bedacht, sorgfältig geplant und rücksichtsvoll in Maß, Form und Farbe.

Umso befremdlicher der jüngste Vorstoß einer „Berliner Baugesellschaft am Schinkelplatz“. Sie lockt öffentlich mit einem Kopplungsgeschäft. Für das Grundstück und das Baurecht auf vier große freistehende Wohnblocks mit Luxuswohnungen und Büros bietet sie den Wiederaufbau der Bauakademie an. Der Werbeprospekt zeigt vornehme Stadtpaläste in Natursteinfassaden, die mit doppelten Staffelgeschossen den Schinkelbau überragen. Stadtvillen und Stadtpaläste haben ihren Platz im Diplomatenviertel am Tiergarten oder in Potsdamer Wasserlagen, nicht am Kupfergraben.

Die Bundesimmobilienanstalt hat dem Angebot eine Absage erteilt. Auch der Berliner Senat will sich mit dem Vorschlag nicht näher befassen. Gut so.

Dass aber das Sonderangebot der Investoren am Schinkelplatz ein solches Aufsehen erregt, muss seinen Grund haben. Es ist die Idee des Wiederaufbaus der Bauakademie, die eine elektrisierende Wirkung und öffentliche Anteilnahme auslöst. Seit Jahren verfolgen die Bürger der Stadt mit wachsender Enttäuschung die immer wieder scheiternden Anläufe zum Wiederaufbau. Der Bund hat mit dem Grundstück dem Land Berlin die alleinige Verantwortung aufgebürdet. Das Land Berlin wiederum ist nicht einmal bereit, das Grundstück kostenlos zur Verfügung zu stellen. Eine Ausschreibung des Berliner Liegenschaftsfonds verlangte vom Erwerber den originalgetreuen Wiederaufbau der Bauakademie und obendrein 75 Prozent der Fläche für eine Stiftung. Das einzige Angebot eines Mäzens war auf 15 Millionen Euro begrenzt. Da der Senat allein für einen erweiterten Rohbau ohne Keller mit 20 Millionen Euro rechnet, lief die Ausschreibung ins Leere.

Seit zwei Jahrzehnten bemühen sich engagierte Bürger, Architekten, Ingenieure, Kunsthistoriker und Kaufleute in verschiedenen Vereinen um Wiederaufbau und Nutzung der Bauakademie. Der Förderverein Bauakademie mit 130 Mitgliedern, zu denen auch die Friends of Schinkel am Massachusetts Institute of Technology gehören, ist bereits seit 1994 tätig, mit Ausstellungen, Veröffentlichungen, Rekonstruktionsplänen, einer Musterecke und dem Konzept einer Bauschule. Er will jetzt eine „Errichtungsstiftung Bauakademie“ ins Leben rufen. 2003 wurde von namhaften Architekten und Berliner Kulturinstitutionen die kleine aber feine Internationale Bauakademie gegründet. Ihre Mitglieder werden berufen. Das Ziel eines Wiederaufbaus verbindet sie mit dem einer internationalen Eliteschule für Baukunst. Ihr gelang es mit Sponsoren, die Bauakademie als Attrappe im Stadtbild zu befestigen, mit einem „Roten Saal“ als Veranstaltungsort.

Bund und Land haben in vorbildlicher Weise Wiederaufbau und Neugestaltung der historischen Mitte der Bundeshauptstadt als nationales und Weltkulturerbe zu ihrer Sache gemacht. Die Bauakademie ist unverzichtbarer Teil dieser von großen Baumeistern gestalteten Stadtkomposition um Schloss- und Museumsinsel, Forum Fridericianum und Kupfergraben. Schinkels Kubus, der sich frei im Raum als selbstbewusster Solitär aus der hierarchisch-barocken Ordnung löst, bildet einen Eckstein. In seiner industriell-backsteinernen Schlichtheit und nüchtern-rationalen Schönheit ist der rote Kasten auch Kontrapunkt zum auferstehenden hochherrschaftlichen Schloss.

Als Bau des Bürgertums korrespondiert er mit dem Roten Rathaus und der Backsteingotik von Nikolai- und Marienkirche. Schinkels Backsteinarchitektur wurde zum Vorbild preußischen Bauens von Aachen bis Königsberg. Von seinen die historische Mitte prägenden Bauten Neue Wache, Schlossbrücke, Altes Museum und Friedrichwerdersche Kirche ist der klare Kubus der Bauakademie in der fein gegliederten Struktur einer abstrakten Tempelfassade sein letztes, die Moderne ankündigendes Werk. Wie das Alte Museum hinüberweist zur Nationalgalerie von Mies van der Rohe am Kulturforum, so die Bauakademie zur Bauhaus-Werkstatt von Walter Gropius in Dessau. Zugleich bilden Bauakademie und Bauhaus ein Gegensatzpaar, das im Streit heutiger Architekturschulen fortlebt, die Baugeschichte fortschreibend die eine, mit der Historie brechend die andere.

Schinkel hat als Architekt und Ingenieur, Innenarchitekt und Künstler, Denkmalpfleger, Kunsthistoriker und Lehrer, Stadtplaner und Baubeamter in seiner Zeit alle Disziplinen des Bauens in seiner Person vereinigt. Die auseinander strebenden Fachrichtungen und Architekturschulen wieder unter einem Dach zu sammeln, wäre einer wiedererrichteten Bauakademie würdig. Einen Alleinerben gibt es nicht. Die Technische Universität Berlin, deren Geburtsstätte die Bauakademie ist, könnte mit der Beuth-Hochschule die Initiative ergreifen. So verdienstvoll und notwendig bürgerschaftliches Engagement ist – Privatleute allein sind mit der Errichtung der Bauakademie überfordert, umso mehr als unterschiedliche Ziele und Ansprüche Öffentlichkeit und Sponsoren verwirren. Die Bauakademie ist Allgemeingut. Ihr Wiederaufbau als Baudenkmal und ihre Wiederbelebung als Institution der Bau- und Ingenieurkunst sind eine öffentliche Aufgabe.

Der Autor war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

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