Kultur : Bauch-Revolutionärin

Die eindrucksvolle Autobiografie von Anna Walentynowicz.

Ilko-Sascha Kowalczuk

Es gibt immer wieder Menschen, deren Leben wie von einem fantasievollen Romanautor erdacht zu sein scheint. Anna Walentynowicz ist ein solcher Mensch. In Polen kennt fast jeder die Eckpunkte ihrer Biografie. Sie war und ist umstritten. Anna Walentynowicz ist eines der Symbole, die für den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung stehen. Sie war stets umstritten, sie wird immer umstritten bleiben – eckig, kantig, geradeaus zugleich. Sie wird vielleicht künftige Generationen noch mehr beeindrucken als sie sie zu Lebzeiten bereits beeindruckte.

Geboren 1929 in Rowne (seit Sommer 1939, nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, zur Ukraine gehörend), spiegelt sich bereits in ihrer Kindheit europäische Diktaturgeschichte. In den ersten Kriegstagen verlor sie ihren Vater, ihre Mutter starb kurz darauf. Ihr älterer Bruder ist von den Sowjets verschleppt worden und kam wahrscheinlich irgendwo im Gulag-System um. Ihre Kindheit war mit zehn Jahren vorbei. Die nächsten zehn Jahre lebt sie von früh morgens bis tief in die Nacht arbeitend, schuftend in einem fremden Haushalt, gehalten wie eine Leibeigene, geprügelt und gedemütigt, ihre einzigen Freunde sind Pferde. Und dennoch schreibt sie, und ihr Leben zeugt davon, dass es keine Floskel ist: „Bis heute bin ich – trotz vieler schmerzlicher Irrtümer und Enttäuschungen – überzeugt, dass die Welt voll guter Menschen ist; dass es unrühmliche Ausnahmen gibt, bestätigt diese Wahrheit.“

Mit 20 befreit sie sich. Sie wird Arbeiterin, arbeitet auf der Werft in Gdansk, ist stolz darauf. Die Waise wird zur Vorzeigearbeiterin, wird propagandistisch vereinnahmt, ziert Titelseiten, erhält Auszeichnungen, engagiert sich. 1952 bekommt sie, die Ledige im katholischen Polen, einen Sohn. Sie kritisiert zuweilen, fordert immer wieder Gerechtigkeit, Ehrlichkeit ein, von allen und sich selbst. Stalins Tod 1953, die Aufstände in Polen 1956 und 1968, schreibt sie, „berührten mich noch nicht“. 1964 heiratete sie. Wenig später bekam Anna Walentynowicz eine tödliche Diagnose, unheilbar krank. Sie überlebte, aber ihr Mann starb 1971.

Mit den Arbeiterprotesten 1970 begann auch Anna Walentynowicz ihre kritische Sicht öffentlich zu machen. Ab 1976/78 zur politischen Opposition im engeren Sinn zählend, ist ohne sie das Jahrzehnt der Solidarnosc ab 1980 nicht zu erzählen. Sie wurde zur Symbolfigur: Ihre Entlassung aus der Werft kurz vor ihrer Pensionierung und ihre Wiedereinstellung gemeinsam mit Lech Walesa wurden zum Fanal des polnischen Freiheitskampfes, der (fast) ganz Osteuropa vom Kommunismus und von der sowjetischen Fremdherrschaft befreite. Sie gehörte zu den Gründern der Solidarnosc.

Was ist das Besondere an dieser Frau, was macht sie zum Mythos? Da wäre ihre Herkunft aus einfachsten Verhältnissen, die vielen Schicksalsschläge, ihre ganz und gar unintellektuelle Art, eine Revolutionärin nicht wider Willen, sondern eine große Revolutionärin aus dem Bauch heraus. Ihr ging es um Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Ehrlichkeit. Und sie war nicht käuflich. Papst Johannes Paul II., ihr Landsmann, verneigte sich vor ihr ebenso wie Staatsmänner und -frauen aus der halben Welt. Das alles beschreibt sie so bescheiden, dass es in ihrem Buch nur zu erahnen ist.

Zugleich verliert sie jede Bescheidenheit, wenn es um ihre Kontrahenten in der Solidarnosc geht. Lech Walesa, aber nicht nur er, fast die gesamte Elite des polnischen Widerstandes gegen die Kommunisten, wird von ihr auf eine Art und Weise abgekanzelt, dass man als Leser schon den Glauben an den Heroismus der antikommunistischen Opposition in Polen verlieren könnte. Und natürlich ist Anna Walentynowicz vollkommen überzeugt davon, dass Walesa als IM „Bolek“ der polnischen Staatssicherheit zugearbeitet habe. In Polen tobt dazu ein Streit, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist. Anna Walentynowicz’ Unbestechlichkeit ist dabei allerdings auch schon wieder singulär. Denn nicht zuletzt ihr Buch zeigt, dass sie keine geschichtspolitischen Absichten verfolgte, wie so viele andere, sondern noch in den finsteren 1980er Jahren klare Positionen bezog, auch in Bezug auf Walesa. Das macht ihre Argumentation nicht überzeugender, aber persönlich einleuchtend.

Anna Walentynowicz kam am 10. April 2010 in Smolensk ums Leben. Die 80-Jährige gehörte zur Delegation von Staatspräsident Lech Kaczynski, die an den 70. Jahrestag des Massakers von Katyn erinnern wollte und beim Landeanflug abstürzte. Ein großer Teil der Führungselite des Landes wurde bei diesem jüngsten tragischen Ereignis der polnischen Geschichte ausgelöscht. Wer diese Geschichte verstehen will, wer die Vergangenheit jenseits der Haupt- und Staatsaktionen in all ihrer Widersprüchlichkeit erfahren möchte, kommt an der Autobiografie dieser großen Frau nicht vorbei. Ilko-Sascha Kowalczuk



– Anna Walentynowicz:
Solidarnosc – eine persönliche Geschichte. Herausgegeben und bearbeitet von T. Jaskulowski. V & R unipress, Göttingen 2012. 209 Seiten, 19,90 Euro.

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