Kultur : Bauchgefühle

-

Rainer Moritz über die wohltuende Wirkung entschlackender Hörbücher

Unbestätigten Umfragen zufolge verzehren 60 Prozent aller Bundesbürger am Heiligabend Kartoffelsalat und Würstchen, wohingegen nur 47 Prozent nie ein Buch lesen. In 72 Prozent aller deutschen Haushalte wiederum kommt es an den Weihnachtstagen zu zwischenmenschlichen Spannungen. Das alles, geneigte Leser, liegt, wenn Sie diese auf den ersten Blick zusammenhanglos wirkenden Zeilen vor Augen haben, hinter uns. Zum Glück, werden Sie sagen, denn geballte Familienkonzentrationen führen auch bei grundgütigen Zeitgenossen zu psychischer Hochspannung, die in den darauffolgenden Tagen nur mühsam abzubauen ist.

In der Tat: So ein Christfest stellt Herausforderungen, denen der Mensch der Moderne kaum mehr gewachsen ist. Ich rede nicht von den Strapazen der Vorbereitung. Das alles ließe sich verkraften, hätte man danach nur seine Ruhe. Weit gefehlt: Die Feiertage selbst sind zu überstehen und mit ihnen zahllose Probleme, die uns schon übers ganze Jahr verteilt zu viel wären: Warum sieht unsere Fichte so mickerig aus? Fahren wir erst zu deiner oder zu meiner Mutter? Soll ich mir an den Zimtsternen die Zähne ausbeißen? Weshalb beginnt die Vierschanzentournee nicht am ersten Feiertag? Warum soll ich weniger trinken?

Weihnachten ist eine Zeit höchster emotionaler Dichte. Selbst Partner, die es gewöhnt sind, klaglos Tisch und Bett miteinander zu teilen, laufen plötzlich aus dem Ruder und beginnen über Lebensalternativen nachzudenken. Ich selbst gehe routiniert mit solchen Situationen um – fragen Sie meine Frau. Obwohl... im letzten Jahr, als mir die Gans kurz vor dem Servierakt fast auf das Küchenlinoleum geknallt wäre... stellen Sie sich das vor, und Sie werden verstehen, dass ich meiner Gattin bei Tisch heftige Vorwürfe machte, obschon sie, wie ich heute einräumen kann, während der BeinaheKatastrophe fernab des Backrohres weilte.

Davon abgesehen bewältige ich (als Angehöriger der lesenden 53-Prozent-Mehrheit) Festtagsstress normalerweise mit der Lektüre feinsinniger, handlungsarmer Bücher, Hesses „Glasperlenspiel“ oder Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ zum Beispiel. Dieses Jahr freilich habe ich ein neues Medium entdeckt: das Hörbuch. Obwohl nur 25 Prozent der Deutschen wissen, was ein Hörbuch ist, befindet es sich auf dem Vormarsch. Zuerst waren das bloße Rezitationen gedruckter Bücher: Westphal liest Fontane, kassetten- und stundenweise. Heutzutage gibt es Hörbücher, die aufgeschlosse Konsumenten „Audio Books“ nennen, zu allen Themen und in allen vorstellbaren Aufbereitungen.

Meine Hörbuchentdeckung 2002 heißt „Dr. med. Ruediger Dahlke“. Dieser grundsolide aussehende Arzt verstopft seit Jahren den Buchmarkt mit Titeln, die „Krankheit als Weg“ oder „Krankheit als Symbol“ heißen, und den Menschen erklären, dass keiner einfach so krank ist, selbst bei Durchfall und Schnupfen. Herr Dahlke und seine liebe Frau Margit betreiben darüber hinaus Heilkunde-Institute im bayerischen Johanniskirchen und im steirischen Hitzendorf, wo man für gutes Geld lernen kann, richtig zu fasten, zu atmen, zu wandern und zu entschlacken. Für die noch Vermögenderen besteht auch die Möglichkeit, an einer Kreuzfahrt von St. Petersburg nach Moskau teilzunehmen, die unter dem bedenkenswerten Motto „Auf dem Fluss in Fluss kommen“ steht.

Wer das alles nicht will, kann sich – wie ich – zu Hause im Sessel zurücklehnen und Dr. Dahlkes Hör-CDs genießen. Im Gefolge der Weihnachtstage empfiehlt sich der Vortrag „Partnerbeziehungen“, der hilft, angestauten Seelenstress bei den Klängen sphärischer Eso-Musik abzubauen. Schon nach zehn Minuten werden Sie Ihrem Partner alles verzeihen, wenn Dahlke rät, „sich fallen zu lassen“, ein „warmes Bauchgefühl“ zu entwickeln und den Gefährten mit einem „inneren Lächeln“ zu beglücken. Nach 74 Minuten Beschwörungstremolo will ich nur noch die positiven Eigenschaften des Partners sehen und bin heilfroh, weder mit Margit noch mit Ruediger Dahlke liiert zu sein. Und wenn nächstes Jahr die Gans über den Küchenboden rutschen sollte, werde ich meiner Frau vergnügt zurufen: „Liebling, lass uns von innen lächeln und heute in der Küche essen.“ Das Hörbuch hat Zukunft, keine Frage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben