Kultur : Bauchrednerin

Panorama: „Ono“, eine polnische Mutterwerdung

Kerstin Decker

Sie ist 22 und nicht unbedingt der Meinung, dass ihr Leben schon angefangen hat: ein schlecht bezahlter Job, ein untreuer Liebhaber und die eigenen Eltern ... nun ja. Aber eins lässt sich bald nicht mehr leugnen: Tief in ihr drin fängt doch ein Leben an, sehr eigensinnig und ganz und gar ungewollt. „Ono“ („Stranger“) ist ein polnischer Film von Malgiosia Szumowska.

In einem polnischen Film ist die Wahrscheinlichkeit, dass Lebensanfängerinnen die Anfänge des Lebens in ihnen behalten, überdurchschnittlich hoch. Diese Vorhersehbarkeit könnte uns verstimmen. Ja, auch Anna – so heißt sie – entscheidet sich gegen die Abtreibung. Und dabei warnen die Ärzte, das Kind in Annas Bauch ist gefährdet. Und was macht sie? Erschrickt und sagt: „Hör’ bloß nicht hin!“ Sagt es zu ihrem Bauch, dem Beginner da drin. Ist „Ono“ ein besonders raffinierter Propagandafilm des Vatikans? Seht her, hier hört eine die Stimme des Lebens aus den Tiefen ihres Bauches und antwortet ihr sogar. Trotzdem, hiermit bezeugen wir: Nicht der Papst spricht aus den Untiefen von Annas Bauch. Und wenn Anna dem Lebensanfänger dort drin alles erzählt – das, was sie weiß und vor allem das, was sie nicht weiß, auch dass sehr viel Mut dazu gehört, das Leben zu lieben – dann klingt das nicht wie eine Beichte. Eher spricht Anna zu ihrem Bauch wie zu einem Analytiker, bei dem man weder zahlen noch um einen Termin bitten muss. Ein gutes Gefühl, merkt sie, wenn jemand immer bei dir ist. Zu zweit bin ich stärker, erfährt Anna. Eine Filmlänge lang möchte man es glauben.

Heute, 17 Uhr (International)

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