Kultur : Bauer sucht Bild

Meister der Dunkelheit: Die Berliner Gemäldegalerie feiert den niederländischen Meister Cornelis Bega.

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Wiederentdeckt. Cornelis Begas „Bauernfamilie“, 1662-63. Das Gemälde, das heute auf Leinwand erscheint, war zunächst auf eine Eichenholztafel geleimt. Foto: © SMB, Gemäldegalerie
Wiederentdeckt. Cornelis Begas „Bauernfamilie“, 1662-63. Das Gemälde, das heute auf Leinwand erscheint, war zunächst auf eine...

Ein typischer Vorwurf an die Großkünstler unserer Spätmoderne: Sie würden das Immergleiche machen, auf ein Rezept setzen, das ihre Wiedererkennbarkeit auf dem globalisierten Kunstmarkt sichert. Dabei ist das branding unter Künstlern keine Neuerfindung. Seit jeher ist die künstlerische Handschrift ein Thema. Und seit der Antike haben spezialisierte Werkstätten die Bestseller ihrer Chefs in serieller Manier (re)produziert. Meisterwerke massenhaft.

Auch der niederländische Maler Cornelis Bega scheint auf den ersten Blick solch ein Sklave des eigenen Erfolgs gewesen zu sein. Wer nur flüchtig durch die Ausstellung „Cornelis Bega. Eleganz und raue Sitten“ in der Gemäldegalerie geht, sieht – gefühlte 30-mal – das gleiche Bild. Was umso bemerkenswerter erscheint, weil Bega 33-jährig 1664 in Haarlem an der Pest gestorben ist. Viel Zeit für die Etablierung seiner Marke hatte er nicht.

Als Schüler von Adriaen van Ostade war sein Weg vorgezeichnet. Genremalerei, genauer gesagt: das Bauerngenre, war das Thema seiner Kunst. Cornelis Bega malte singende, tanzende, zechende, Dienstmägde begrapschende Bauern. Und, besonders in den letzten beiden Lebensjahren – im Katalog ist von Begas „Wunderjahr 1663“ die Rede –, auch musizierende Damen und Paare der feineren Gesellschaft.

Bega war einer unter Hunderten hoch spezialisierter Maler in den Niederlanden des Goldenen Zeitalters. Wie viele seiner Kollegen griff er auf einen reichen Vorrat an Skizzen und einen überschaubaren Kreis von Modellen zurück. Weshalb Details wie der umgestürzte Schemel, dem ein Bein fehlt, das glühende Kohleöfchen oder der schadhafte, mit alten Brettern geflickte Lehmfußboden in vielen seiner Bilder auftauchen.

Warum soll man jemanden wie Bega, einen Mann aus der zweiten Reihe, heute noch ausstellen? Die Antwort, die Bernd Lindemann und Peter van den Brink als Direktoren der Berliner Gemäldegalerie und des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums, wo die Ausstellung zuvor zu sehen war, finden, ist denkbar einfach: weil sie ihn bewundern. Cornelis Bega mag ein inzwischen recht unbekannter niederländischer Maler sein. Doch was er in seinen besten Werken an künstlerischer Virtuosität abgeliefert hat, lässt den Atem stocken.

Anders als sein berühmter Kollege Jan Vermeer van Delft ist Bega kein Maler des Lichts, sondern der Dunkelheit. Des Halbdunklen vor allem, das er in unendlich subtilen Zwischentönen abzuschattieren vermag. Bega kommt mit wenigen Farben aus. Würde nicht zuweilen ein schräges Violett oder Rosa aus einem Frauenrock hervorblitzen, könnte man meinen, Begas Welt setzt sich ausschließlich aus Grau-, Grün- und Brauntönen zusammen. Selbst einen Ausblick ins Freie wie auf dem großartigen Bild „Der Alchemist“ aus dem Getty Museum dimmt er auf Braun und Blau herunter. Auch eine Art Konzeptkunst.

Begas künstlerische Klasse wäre undenkbar ohne die kulturelle und ökonomische Blüte, die die Stadt Haarlem ab den 1580er Jahren für ein gutes halbes Jahrhundert dank flämischer Emigranten erlebte. Der Verfeinerung des Lebensstils entsprach Begas Temperament. Anders als sein Vorgänger Adriaen Brouwer oder sein Zeitgenosse Jan Steen (auch er ein Schüler Ostades) zeigte Bega seine Bauern nicht ausschließlich als tumbe Toren, sondern manchmal sogar mit einer gewissen Würde. Das aus dem Amsterdamer Rijksmuseum geliehene „Gebet vor der Mahlzeit“ von 1663 könnte in seiner innigen Armutsergebenheit auch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Begas mit Malerei bestens vertraute Zeitgenossen waren bereit, für dessen Bilder recht hohe Summen zu zahlen – auch wenn sie dann, wie im Falle eines Sammlers belegt, in der Küche hingen.

Cornelis Bega ist ein Maler für Kenner und Genießer, die bereit sind, sich minutenlang in die kleinen, raffiniert Ton in Ton gemalten Bildtafeln hineinzusehen. Wer die Liste der Leihgeber der Ausstellung durchgeht, wird neben Museen wie dem Louvre zahlreiche Privatsammler und weltweit renommierte Altmeisterhändler aus London, New York und Paris entdecken. Einmal pro Jahr trifft man sich auf der Kunstmesse Tefaf in Maastricht, wo Bilder wie die von Bega gehandelt werden. Im seinem Fall waren private Liebhaber wie so oft schneller und energischer, als die großen staatlichen Institutionen.

Gewidmet ist das auch wissenschaftlich ertragreiche Aachen-Berliner Unternehmen der 1988 gestorbenen amerikanischen Kunsthistorikerin Mary Ann Scott. Die Wiederentdeckung „ihres“ Künstlers konnte sie nicht mehr erleben. Nun liegt es an den Berlinern, die das Schicksal ihrer Gemäldegalerie in den letzten Wochen intensiv begleitet haben, aus dieser wunderbaren Ausstellung den verdienten Besuchererfolg zu machen.

Gemäldegalerie am Kulturforum, bis 30. 9., Katalog (Belser) 29,95 €.

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