Bauern im Kino : Hinterm Misthaufen geht’s weiter

Agrarwirtschaft in der Krise? Nicht im Kino. In Dokus sind Bauern seit Jahren präsent. Nun werden sie auch zu Spielfilmhelden.

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Jungbauer Huber (Golo Euler) und seine letzte Sau auf dem Huber-Hof.
Vom Pech verfolgt. Jungbauer Huber (Golo Euler) und seine letzte Sau auf dem Huber-Hof.Foto: drei-freunde Filmverleih 2016 / Andreas Steffan

Da ist jetzt aber einem mal so richtig der Kragen geplatzt! Aron Lehmann nämlich, dem Regisseur der Tragikomödie „Die letzte Sau“. Die wütende Landwirtschaftsgroteske wirkt wie die Kinoversion jenes coolen Comicaufklebers, der schon in den achtziger Jahren – als der ländliche Strukturwandel vom kleinbäuerlichen Mischbetrieb zur spezialisierten Agrarfabrik bereits angelaufen war – auf den Taschen aufmüpfiger Landjugendmitglieder pappte.

Darauf reitet ein zu allem entschlossener Bauer – die Rechte zur erhobenen Faust geballt, in der Linken die aufgepflanzte Mistforke – unter dem Slogan „Power to the Bauer“ auf dem Rücken eines galoppierenden Schweins Attacke. Und obwohl Lehmanns Held, der Huber-Bauer, mit dem Moped umherknattert und seine ihm einzig verbliebene Sau im Beiwagen hockt, ist er doch von genau demselben widerständigen Geist erfüllt.

„So geht’s nicht weiter“ lautet denn auch der programmatische Untertitel der in dieser Woche im Kino startenden deutschen Landwirtschaftskomödie. In Zeiten des Höfesterbens durch Milchpreisverfall, agrarindustrieller Überproduktion, Massentierhaltungselend und Agrarenergie-Irrsinns markiert sie eine einerseits überraschende und andererseits folgerichtige Motivik: die Entdeckung des Bauern als Kinohelden. Des traditionellen Landwirts wohlgemerkt, der die Ackerkrume mit Sorgfalt hegt und nicht mit Glyphosat tränkt – und jede Kuh mit Namen kennt.

Systemkritik an der Agrarindustrie

Genau dieses aussterbende Ideal hält Regisseur Aron Lehmann in seinem Spielfilm hoch. Damit reflektiert er ein gesellschaftliches Unbehagen, das in den letzten Jahren bereits diverse Dokumentationen zu Landspekulation, Ökobauern, Sennerinnenleben und der ökonomischen Not kleiner bäuerlicher Familienbetriebe beackert haben. Es ist das schlechte Gewissen der Menschen, der buchstäblichen Verbraucher, Tiere wie Feldfrüchte einer ethisch verwerflichen Gewinnmaximierungsmaschinerie ausgeliefert zu haben – mit dem Bauern als Helfershelfer und Opfer dieser von jedem einzelnen Lebensmitteldiscounterkunden gefütterten Entwertungsmechanismen.

Sein Bauer Huber, dem in den kommenden Wochen noch weitere ländliche Filmhelden folgen, lebt im bayerischen Schwaben, dem Nördlinger Ries. Dort hat der in der Region aufgewachsene und an der HFF Babelsberg ausgebildete Lehmann bereits 2012 mit der hintersinnigen Komödie „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ Systemkritik geübt. Weiland noch an der Filmbranche, nun – deutlich existenzieller gedacht und vordergründiger umgesetzt – an der Agrarindustrie.

Romantisches Bauernbild als Notwehr

Deren „Wachse oder weiche“-Diktaten mag sich der von Golo Euler als lakonischer Mundartler verkörperte Jungbauer nicht beugen. Und als sein Freund, der Metzger, bei einem aus Verzweiflung verübten Banküberfall erschossen wird und ein Meteorit Hubers trotz aller Plackerei unrentablen Hof in Schutt und Asche legt, zieht der Rebell – untermalt mit Revoluzzermusik von Ton, Steine, Scherben und angetan mit seiner Tracht, dem Rieser Bauernkittel – hinaus bis ins Brandenburger Land, wo der Karnivore prompt unter radikale Vegetarier gerät.

Was sind das für dekadente Zeiten, in denen ein Mensch nicht mehr von der ehrlichen Arbeit seiner Hände leben kann? Das ist die gewiss von vielen Biomarktkunden geteilte Frage, die über „Der letzten Sau“ schwebt. Quasi als Notwehr beschwört Aron Lehmann ein durchaus romantisches Bauernbild, wie er im Gespräch betont. Stolz die Standeskleidung tragen, stolz auf das Tagwerk sein, das ist es, wofür der Huber steht.

Stolz auf die Arbeit

Der 34 Jahre alte Lehmann kommt zwar vom Dorf, lebt aber jetzt in München und hat in Vorbereitung des Films selber ein paar Wochen auf einem Hof als Knecht gearbeitet. Seither ist er noch entsetzter darüber, wie wenig den Deutschen ihre Nahrungsmittel wert sind. „Essen und Trinken ist doch das Einzige, was wir jeden Tag im Leben brauchen.“ Und er hält den Bauern, genauso wie den Bäcker und Metzger, für den Garanten der Dorfkultur. „Wir verlernen etwas, das wir in Jahrtausenden gelernt haben – das Handwerk.“

Sein mediales Bauernbild speist sich nicht aus TV-Trash wie „Bauer sucht Frau“, sondern ist von August Sanders Fotografie „Die Jungbauern“ geprägt. Sie stammt aus dem Jahr 1914 und zeigt drei Männer im Sonntagsstaat, die frontal in die Kamera schauen. Die aufrechte Haltung und der klare Blick der Spaziergänger hat Aron Lehmann beeindruckt. „Sie haben das Gefühl, etwas wert zu sein. Solchen Stolz auf die Arbeit gibt’s immer weniger. Wir sind ja alle nur noch Handlanger.“

Der Acker als Metapher

Und damit das genaue Gegenteil dessen, wofür der erste und ehrwürdigste Beruf der Menschheit zumindest seit seiner Befreiung aus der Leibeigen- und Dienstherrenschaft steht.

Der Bauer, ein Standesbegriff, der seit dem 11. Jahrhundert nachweisbar ist, der war ja nie allein ein Landwirt. Bauer, das war immer mehr als nur eine archaische Tätigkeit. Genau wie der Acker immer mehr als nur Boden ist. Er ist zugleich Metapher, Idee, Wille und Vorstellung. In Deutschland, dem Mutterland der Romantik, sind der Bauer und seine Scholle immer schwer kulturell und ideologisch befrachtet gewesen. Die Nationalsozialisten haben den „Reichsnährstand“ in ihrer Blut-und-Boden-Ideologie instrumentalisiert, die Sozialisten die durch eine traumatische Bodenreform enteigneten Bauern dann zum „Werktätigen der Landwirtschaft“ kollektiviert, der pseudomilitärische „Ernteschlachten“ schlägt.

Ein vermeintlich ursprünglicher Beruf

Auch heute beschwört der Deutsche Bauernverband mit Slogans wie „Wir schaffen Werte“ und den Zuschreibungen, Bauern seien Traditionswahrer, Umweltschützer und Heimatpfleger das Ideal eines vermeintlich ursprünglichen, noch eine Einheit von Arbeit und Leben pflegenden Berufes, der eine Sonderrolle außerhalb kapitalistischer Marktregeln beansprucht und mithin besonders schützenswert ist. Mit seinem Versorgungscharakter fungiert der Stand zugleich als Stütze des Staats wie der Kultur, auch wenn sich die Zahl der Bauernhöfe in Deutschland von knapp 1 650 000 im Jahr 1949 auf 286 000 dezimiert hat.

Ein Teil dieses Bildes wirkt auch in „Die letzte Sau“, wirkt in allen Bauernfilmen weiter. Stets betonen sie die knorrige Andersartigkeit, ja Redlichkeit des Landmanns. Und die Kamera schwelgt freudig im pittoresken Appeal von dampfenden Misthaufen, knatternden Treckern und glitschigen Rinderzungen.

Gérard Depardieu als Bullenzüchter

Das rührt den Ackerbau und Viehzucht entfremdeten Städter, zu dem auch Filmschaffende gehörten, so sehr, dass sogar eine nüchterne Agrarmesse wie die Pariser Landwirtschaftsausstellung zum Sehnsuchtsort wird, die gleich in zwei französischen Komödien eine Rolle spielt. In der Frankreichodyssee eines arabischen Bauern und seiner Kuh „Unterwegs mit Jacqueline“. Und in dem hübschen Roadmovie „Saint Amour“, in dem Gérard Depardieu als Bullenzüchter und Motivator seines der Landwirtschaft überdrüssigen Sohnes brilliert (Kinostart: 13. Oktober). Der Einzige, der ihm als würdevollem Altbauern die Schau stehlen kann, ist Preisbulle Nebukadnezar, so archetypisch ist sein Charakter angelegt. Depardieu ist hier kein Schwätzer, sondern ein Schweiger, ein Mann der Tat, dem man sogar vom Drehbuchautor eingeimpfte Bauernregeln wie „Das Leben ist eine Furche, die nicht immer gerade verläuft“ abnimmt.

Keine Schminke, kein eitler Konsumtand, keine Wohlstandsprobleme – auch das deutsche Bauerndrama „Jonathan“ von Piotr J. Lewandowski (Kinostart: 6. Oktober) zeichnet das Provinzleben auf einem alten, durchaus kulissenhaftem Schwarzwaldhof auf das Wesentliche reduziert. Die Arbeit, die Liebe, die Eifersucht und den Tod, der den krebskranken Altbauern dahinrafft. Nur sticht Jannis Niewöhner, der den seinen Vater liebevoll pflegenden Jungbauern Jonathan spielt, locker alle anderen Bauerndarsteller des Kinoherbstes an Attraktivität aus.

Das Bauerntum als Bollwerk gegen die Konsumgesellschaft

Nach Schönheit werden sie sonst nämlich nicht gecastet, die Filmbauern. Über dreißig Jahre nach Detlev Bucks auf dem platten Land in Norddeutschland immer noch kultisch verehrtem Kurzfilmerfolg „Erst die Arbeit und dann?“, der vom Stadtabenteuer eines in einer Cocktailbar „ein schönes Holsten“ ordernden Jungbauern erzählte, sind sie in der Komödie immer noch rechte Stoffel. Und im Drama störrische Eigenbrötlerinnen wie Schweinezüchterin Emma in Sven Taddickens „Emmas Glück“ (2006).

Da ist es wieder – das Bild vom Bauerntum als Bollwerk gegen die den Gesetzen des schnellen, oberflächlichen Konsums erlegene und letztlich auch virtuell immer unübersichtlicher werdende Welt. Wie hat Aron Lehmann das ausgedrückt? Heute empfinden sich alle als Handlanger. Kaum jemand durchschaut die ihn trotzdem tagtäglich beeinflussenden globalen Systeme, die Verflechtungen der Politik, des Marktes, der Saatguthersteller und Lebensmittelkonzerne. Wenigstens im Kino hebt einer dagegen die Mistforke: der freie Bauer auf freier Scholle.

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