Kultur : Baugeschichte: Berlins Boulevardmöbel

Wolf Jobst Siedler

Der Berliner Kiosk hat eine lange Tradition. Im Grunde ist er älter als die Stadt. Schon 1311 überließ der "Berliner Rat" Schlächtern, Bäckern und Gemüsehändlern so genannte "Scharren" in Erbpacht zur Nutzung. Das waren feste Verkaufsbuden aus Holz, die nicht viel Wert auf Schönheit legten. Aber die Obrigkeit sah wenigstens auf Sachlichkeit und wehrte der wilden Errichtung von Buden, die im späten 17. und im 18. Jahrhundert die Stadt allmählich überfluteten. Man suchte Verkaufsläden mit "Bogenhallen" zu fördern, so genannte feste Kramläden. Aber auch diese Straßenmöbel wucherten bereits im 18. Jahrhundert so sehr, dass sie den Verkehr auf den Straßen und Bürgersteigen behinderten.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde daher die Anfertigung der ersten zwanzig hölzernen Trinkhallen für die Stadt genehmigt, deren Entwürfe sämtlich von Martin Gropius stammten, der damals das Kunstgewerbemuseum entwarf - heute Gropiusbau genannt. Inzwischen ist es kaum noch zu verstehen, dass der 1876 eröffnete Gropiusbau nach dem Zweiten Weltkrieg zum Abriss freigegeben werden sollte: In den sechziger Jahren war keines der Häuser der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" an der Übernahme dieses Gebäudes interessiert. Auch das Kunstgewerbemuseum, das inzwischen einen Neubau auf dem Kulturforum hat, empfand es damals als Zumutung, in den Traditionsbau in der Stresemannstraße einzuziehen.

Tempel für jedermann

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte man die besten Architekten der Epoche für Bahnhöfe, Kioske und Straßenmöbel zu gewinnen gesucht. Nach Gropius war es vor allem der Architekt Alfred Grenander, den man für diese Bauaufgaben heranzog. Er entwarf nicht nur die interessantesten Bahnhöfe der Hoch- und U-Bahn vom Wittenbergplatz bis zum Bahnhof Krumme Lanke, womit gezeigt wurde, wie wandlungsfähig der Architekt war, der den Schritt vom Jugendstil in die Moderne mitvollzog. Auch Kioske und Kartenhäuschen wurden von Grenander entworfen. Im letzten Jahrzehnt wurden viele dieser Bahnhöfe, die man im Modernisierungswahn der Nachkriegszeit verunstaltet hatte, nach den historischen Plänen meist vorzüglich restauriert.

Schweiz oder Griechenland

Die Entwürfe von Martin Gropius und Alfred Grenander legten keine Einheitsarchitektur fest. Die Kioske konnten aus Holz oder Stein, später auch aus Eisen sein, hatten die Form eines Schweizer Häuschens oder eines dorischen Tempels, wovon einer an der Ecke Kurfürstendamm / Uhlandstraße die Zeitläufte überdauert hat. Sie alle trugen zur Lebendigkeit bei, vor allem zur Wiedererkennbarkeit von Straßen und Plätzen. Noch nach den Zerstörungen des Krieges gab es in den fünfziger Jahren in West-Berlin 478 solcher "ortsfester" Kioske.

Aber in den sechziger Jahren, als in der ganzen Stadt eine hilflose Modernität triumphierte, verschwanden fast all die liebenswürdigen Tempelchen zusammen mit den letzten Rotunden und den gusseisernen Pumpen - im Volksmund "Plumpen" genannt - nach und nach aus dem Straßenbild. Es war die Epoche, da die Bauverwaltung überall normieren wollte; der Zeitgeist verlangte "Ehrlichkeit" und "Versachlichung". Dieser überall gefeierte Verzicht auf "Schnörkel" hat Berlin viel von seinem Charme genommen. Man kann dem Berliner Bauen der Nachkriegszeit viel nachsagen, pittoresk ist es jedoch nicht gewesen.

Heute sieht man die "genormten" Einheitsentwürfe der fünfziger und sechziger Jahre, all die "Container"-Lösungen, mit Staunen: So abhängig vom Zeitgeist ist also auch die Meinung der Fachleute. Überhaupt sind ja die Jury-Empfehlungen der letzten Jahrzehnte ein Beispiel für die Zeitgebundenheit der so genannten Experten. An den Pranger gestellt werden immer nur die ausführenden Architekten von gestern. Niemand fragt danach, wer sein Votum abgegeben hat, als zum Beispiel das Schiller-Theater, das ICC oder die Messehallen am Funkturm von Fachgremien prämiert wurden. Auch das wäre ein Beitrag zur Baugeschichte Berlins.

So ist es begreiflich, dass man zur Zeit Versuche unternimmt, endlich zu ruhigen Lösungen für Straßenmöbel zu kommen. Die missratenen Lösungen der letzten Jahrzehnte will man bereinigen, und im ehemaligen Ost-Berlin gab es auf diesem Gebiet ohnehin nur eine Notdurftarchitektur, die besonders deutlich in den einheitlichen Beton-Wartehäuschen an Straßenbahn- und Omnibus-Haltestellen zur Geltung kam.

Am Wettbewerb für Kioske auf den "Linden" beteiligten sich 200 Architekten des In- und Auslands. Den Sieg hat Josef Paul Kleihues davongetragen - eine Entscheidung, die angesichts seiner Entwürfe für eine ganze "Familie" von Straßenmöbeln wahrscheinlich die richtige war, wenn man auch über seine leblosen Flügelbauten zum Brandenburger Tor, "Haus Sommer" und "Haus Liebermann", ebenso hinweggehen muss wie über die merkwürdig anämische "Rekonstruktion" der Schinkelschen Wachhäuser auf dem Leipziger Platz. Im Ganzen aber ist Kleihues ein exzellenter Mann, und man weiß bei ihm solche Aufgaben in guten Händen. Aber kein Baumeister ist besser als sein Bauherr, und daran fehlt es in Berlin schon seit dem Krieg.

Vor allem aber hat man Sorge angesichts des Vorhabens, Einheitsentwürfe nicht nur für einen Boulevard, in diesem Falle für die "Linden", zu schaffen, sondern gleich für alle Straßen und Plätze Berlins. Sollen die Modelle von Kleihues wirklich auch auf dem Kurfürstendamm aufgestellt werden? Sollen seine Wartehäuschen demnächst verbindlich für alle Straßenbahn- und Omnibuslinien Berlins gelten? Die Lebendigkeit einer Stadt gibt sich auch in der Vielgestaltigkeit ihres Straßen-Meublements zu erkennen. Wenn man das Wort "Einheitsmöbel" hört, wird einem schon schwummrig. Warum muss es immer ein und derselbe Architekt sein, der die ganze Stadt mit Nutzbauten dekoriert? Man liebt den Boulevard St. Germain, den Boulevard Raspail und die Champs-Elysées auch deshalb, weil sie alle ein unterschiedliches Gesicht haben und selbst die Laternen in Paris sich von Quartier zu Quartier unterscheiden. An die vier Plätze Roms, Piazza di Spagna, Piazza Navona, Piazza Navona und Piazza Venezia, darf man gar nicht denken. Wie sähen sie aus, wenn auf ihnen normierte Haltestellen, Wartehäuschen und Kioske stünden? Die Berliner "Peitschenlampe" der Nachkriegszeit genügte zwar ihrer Beleuchtungsaufgabe, aber sie nahm dem Straßenbild viel von seiner Individualität.

Die "Linden", um beim Beispiel zu bleiben, waren eine Avenue des 18. Jahrhunderts. Der Kurfürstendamm wurde an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut. Warum sollen sie in ihrer Dekoration, und dazu zählen die Straßenmöbel, immer dasselbe Gesicht zeigen? Berlin darf die Reinigung des Dekorationsmülls nicht zu weit treiben.

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