Kultur : Bauhaus-Archiv: Das Licht, aus dem die Träume sind

Michael Zajonz

"Ein Spiel bewegter gelber, roter, grüner und blauer Lichtfelder, aus der Dunkelheit entwickelt bis zur höchsten Leuchtkraft. Schauplatz: Eine transparente Leinwand. Gestaltungsmittel: Farben, Formen, Musik: In eckigen, scharfen, spitzen Formen; in Dreiecken, Quadraten, Vielecken oder in Kreisen, Bogen und Wellenformen." Im Duktus der "Neuen Sachlichkeit" warb der Maler und Grafiker Ludwig Hirschfeld-Mack (1893 - 1965) für seine am Weimarer Bauhaus entwickelten Farbenlichtspiele, die er bis "zur künstlerisch geplanten, orchestralen Darstellung geführt" hatte. Ihr rekonstruierter Projektionsapparat steht im Zentrum einer Ausstellung im Bauhaus-Archiv, die sich seinen Weimarer Jahren widmet: Zusammen mit einer Videoaufzeichnung rekonstruierter "Partituren" sowie den 1922 / 23 entstandenen Resultaten seines Farbenseminars - an dem Klee und Kandinsky teilnahmen - gewährt sie Einblicke in die Kinderstube jener Kunstschule, die dem konservativen Weimar so zuwider war.

Die Idee der Farbenlichtspiele entstand während eines Schattenspiels: Beim Auswechseln der Projektionslampe waren auf der Leinwand anstelle dunkler Umrisse lediglich ein roter und ein grüner Schatten sichtbar geworden. Ein paar bewegliche, über Widerstände regelbare Lichtquellen, die farbiges Licht durch bewegliche Schablonen werfen - mehr hat Hirschfeld nicht gebraucht für den Kasten, der die Träume macht. Hinter der Leinwand entsteht ein immaterielles Ballett, das mittels variabler Schärfe, Leuchtkraft und Überblendung den Effekt der dritten Dimension erzeugt.

Sechs geschulte Mitarbeiter waren nötig, um abstrakte Geometrie zum Tanzen zu bringen und durch eigene Kompositionen musikalisch zu ergänzen. Aufführungen in Deutschland und Österreich warben für die Bauhaus-Idee. Doch der Erfolg des Mediums zwischen Malerei und Film verhinderte nicht, dass Hirschfeld-Mack ab 1925 ohne das Bauhaus auskommen musste. Seit 1921 Etatgeselle der Druckerei, verfehlte er den Sprung nach Dessau: Die von ihm handwerklich betreuten Grafikeditionen waren kein finanzieller Erfolg und widersprachen dem neuen Leitbild der Produktgestaltung.

Mit Hirschfeld-Mack verlor Gropius einen begabten Lehrer; mit den Farbenlichtspielen ein vielversprechendes Prestigeprojekt, dessen wahrnehmungspsychologischer Charakter Moholy-Nagys Arbeiten ergänzte. Ihrem Erfinder sollte es nicht mehr gelingen, verbesserte Projektoren zu bauen. Noch im englischen Exil plante er den Einstieg in die Werbebranche: Ihn verhinderte seine Internierung zu Kriegsbeginn. Zum Begriff wurde sein Name weder durch die avancierte Projektionstechnik noch durch den "optischen Farbenmischer" (als Bauhauskreisel bekannt). Ihm und einigen Arbeiten auf Papier, die nicht als bildnerische Werke, sondern als Forschungsnotate verstanden sein wollen, begegnet man nun recht unvermittelt. Geldmangel verhinderte, abweichend von den übrigen Stationen, die Präsentation des Werks über den "Bauhauskern der Farbstudien" hinaus. Wer nicht zum Katalog greift, für den bleibt Ludwig Hirschfeld-Mack ein Unbekannter.

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