Bauhaus : Schmiede der Zukunft

Vor 90 Jahren wurde in Weimar das Bauhaus gegründet. Wie modern sind die Ideen von Walter Gropius heute?

Ulf Meyer
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Oskar Schlemmers Bauhaus-Logo, 1921. Foto: promo

Kaum ein anderes deutsches Wort können Menschen auf allen Kontinenten so fehlerfrei aussprechen wie Walter Gropius’ Kunstwort „Bauhaus“. Fast jeder verbindet etwas Positives mit dem Begriff. Jeder glaubt zu wissen, wie Bauhaus-Architektur aussieht, Deutschlands wichtigsten Beitrag zur Baukunst des 20. Jahrhunderts. Sie ist noch heute fester Bestandteil der Lehrpläne von Architekturstudenten in aller Welt.

Am kommenden Mittwoch wird im Berliner Martin-Gropius-Bau eine große Ausstellung eröffnet, die das Bauhaus und seine Rezeption beleuchtet. Dabei wird es hoffentlich nicht nur um die bekannten Stereotypen gehen: weiße Putzfassaden, klare Geometrien, Flachdach und offener Grundriss, Vorhangfassaden aus Stahl und Glas – fertig ist das BauHaus? Nach diesen Kriterien fallen viele Bauhaus-Architekturen aus dem Rahmen, die diese Kennzeichen nicht haben – und folglich nicht als solche (an)erkannt werden.

Wenn man die Werke aller Bauhäusler heranzieht, stellt man indes fest: Es gibt gar keine Bauhaus-Architektur! Stattdessen gibt es mindestens drei verschiedene Versionen: Ein frühes, expressionistisches Holzhaus von Gropius hat mit der kühlen Strenge eines Ludwig Mies van der Rohe fast nichts gemein. Und doch hält der Erfinder und erste Direktor der Wunderschule, Walter Gropius, unsere Synapsen irreversibel besetzt.

Mit dem Begriff Bauhaus werden so starke Bilder verbunden, weil Gropius’ größtes Talent darin bestand, es in unsere Köpfe zu pflanzen. Gropius war zwar nicht der stärkste Entwerfer seiner Zeit, aber er hatte die große Gabe, andere Talente um sich zu scharen und sie bisweilen auch auszusaugen. Seine Idee von der Architektur als Gesamtkunstwerk, der Baukunst als Mütter aller Künste, ist bis heute wirksam.

Richard Wagners Vision des Gesamtkunstwerks hat das Bauhaus auf die Architektur übertragen. „Ganzheitlich“ oder „interdisziplinär“ würde diese Herangehensweise heute heißen. Schon das Wort Bauhaus trägt die Konnotation des Gesamtkunstwerks in sich: Gropius verstand Architektur nicht als Leistung eines genialen Entwerfers, sondern eines eingespielten Teams, wie einst in den mittelalterlichen Bauhütten. Studenten und die Bauhaus-Werkstätten waren in jeden Entwurf eingebunden. Auf diese Weise lockte Gropius die besten Talente der 20er Jahre aus ganz Mitteleuropa nach Deutschland, um hier die Moderne zu erfinden.

Das Bauhaus in Dessau ist heute eine Touristenattraktion, die auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco steht. Ihr gestalterischer Kanon, die Trennung von Wänden, die Lasten tragen und jenen, die Raum definieren, die Schaffung von Räumen durch horizontale und vertikale Flächen sowie die Verbindung von innen und außen bilden die Bauhaus-Ästhetik. Unsere Vorstellung von dieser Architektur, die nur schwarz-weiß zu sein hat, ist jedoch falsch. Das liegt daran, dass die Farbfotografie damals noch nicht entwickelt war. In Wahrheit sind viele jener Gebäude zumindest innen extrem farbig.

Architektur, Kunst und Design bildeten für die Bauhäuslern eine Einheit. An ihrer Schule gab es ursprünglich kein reines Architekturstudium und keine klar definierte Grenze zwischen Studium und Alltag. Bauhaus-Studenten trotteten nicht von 9 bis 5 Uhr zur Uni wie andere ins Büro, sondern wohnten auf einem Campus zusammen, spielten und feierten miteinander. Sie haben Gestaltung gelebt und verstanden Entwerfen als politischen Akt, Baukunst und Moral galt für sie als untrennbar. Bauhäusler wollten, dass gutes Design für jeden bezahlbar sein soll. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heute ausgerechnet Marcel-Breuer-Möbel als Ausweis von Reichtum gelten.

Damals war es Henry Ford, heute ist es Custom-Designed Engineering, das als Vorbild für eine neue fruchtbare Verbindung von Architektur und Industrie dient. Auch das „Bauen für das Existenzminimum“ ist plötzlich wieder aktuell: Börsencrash und Inflation hatten einen Gemüsegarten und Hühnerstall damals für die Bauhäusler erstrebenswert gemacht. Heute verstehen nur die wenigsten Architekten ihre Arbeit als eine „soziale Bewegung“, als einen Dienst an der Gesellschaft. Dagegen brauchten sich die damaligen Avantgarde-Gestalter nicht der Herausforderung Umweltfreundlichkeit zu stellen. Heutige Architekten müssen hier Lösungen finden.

Mit dem Umzug nach Dessau hatte das Bauhaus die Trägheit der Weimarer Jahre und die Fokussierung auf das Handwerk hinter sich gelassen, um im kleinen Industriestädtchen Dessau erstmals baulich zeigen zu können, was ihre Architektur bedeutet. Die Schule hatte ihre bedeutendste Zeit in Dessau, zugleich lag 1927 schon der „Anfang vom Ende“ des Bauhauses – zumindest in Deutschland – in der Luft. Die Unterdrückung der Ideen durch die Nazis war dumm – und folgenreich. Denn erst mit der Vertreibung der besten modernen Architekten aus Deutschland konnte die Moderne international Fuß fassen und wurde zu einer weltumspannenden Bewegung.

Das Bauhaus wird zwar in diesem Jahr 90 Jahre alt, doch weil ein Großteil seines Erbes hinter dem Eisernen Vorhang lag und heute erst restauriert wird, ist es Zeit für eine neue Auseinandersetzung und einen frischen Blick. Auch wenn wir vom Stil nicht mehr lernen können, so besitzen doch die Ziele des Bauhauses noch immer Relevanz: etwa die Professionen zusammenzubringen. Heute liegt der Bau eines Gebäudes noch mehr als in den zwanziger Jahren in den Händen vieler verschiedener Beteiligter; gute Kommunikation zwischen Architekt, Ingenieur, Haustechniker ist wichtiger als jemals zuvor.

Das Bauhaus hat zwar seinen stilistischen Modellcharakter verloren, weil wir nicht mehr in der Moderne leben, Autos heute altmodisch finden und unsere Wirtschaft nicht mehr auf massenhafter Industrie basiert. Aber die Philosophie von damals ermutigt noch immer dazu, sich experimentell mit den Herausforderungen der Zeit auseinanderzusetzen. Das Bauhaus als stilprägende Schule ist tot, das Bauhaus als Idee ist aktueller denn je!

Ulf Meyer hat am IIT, dem „New Bauhaus“ in Chicago, Architektur studiert und im Prestel-Verlag ein Buch über Bauhaus-Architektur veröffentlicht.

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