Kultur : "bauhausdessau": Der Preis ist heiß

Michael Zajonz

Der Direktor des Berliner Bauhaus-Archivs war überhaupt nicht angetan. Dieser Tage kam es zum Eklat: Peter Hahn verbot, im Archiv seines Hauses nach historischen, bislang unbekannten Entwürfen der Bauhaus-Zeit zu forschen. Die Stiftung Bauhaus in Dessau will nämlich zusammen mit der Stadt, dem Wirtschaftsministerium und dem Designzentrum Sachsen-Anhalt solche Entwürfe als Repliken in der Region produzieren und unter der imageträchtigen Marke "bauhausdessau" vertreiben. Daneben ist eine Linie moderner Produkte geplant, über deren Markenwürdigkeit eine Jury befinden soll. Das Vorhaben stehe nach Hahns Veto vor dem Aus, beklagte sich Marion Diwo vom Designzentrum Sachsen-Anhalt.

Bauhausobjekte werden hoch gehandelt, als Nachbauten stehen sie in zahllosen Wohnungen. Schon Tom Wolfe hatte in seinem Pamphlet "From Bauhaus to our house" lediglich ätzenden Spott für den Fetischcharakter der Stahlrohrsessel von Mies und Breuer übrig. Derlei Begehrlichkeiten haben seit zwei Jahrzehnten nicht nur den Markt für Designobjekte kräftig befeuert, sondern auch zahlreiche autorisierte und wilde Repliken entstehen lassen.

Kaum eine Institution des vergangenen Jahrhunderts wurde in ähnlicher Weise wie das Bauhaus gleichgesetzt mit Dingen, die sie nicht in jedem Fall zu verantworten hat. Nachdem selbst eine große deutsche Tageszeitung, die in ihrem Erscheinungsbild nur wenig an Herbert Bayers typografische Revolution erinnert, auf ihrer Lifestyle-Seite den "Bauhausbüstenhalter" entdeckt hat, scheint kein Bereich abendländischer Kultur mehr ohne dieses Etikett auszukommen: Vom Städtebau der Nachkriegszeit bis zur Gartenabteilung des Heimwerkermarktes - "Bauhaus" allerorten. Stoff genug für die Dessauer Traditionshüter des 1933 untergegangenen Bauhauses, eine provokante Ausstellung über die ökonomische Bewertung der erfolgreichen Kunstschule zu installieren.

Die Stiftung Bauhaus Dessau hat jedoch Höheres im Sinn. Dem museal schwer darstellbaren pekuniären Wert von "Klassikern der Moderne" sollte die Reflexion über ihre gängigen Präsentationsformen gegenübergestellt werden. So betrieb Kurator Werner Möller einigen Aufwand, um die auratische Wirkung von Inkunabeln der Designgeschichte - etwa eines Prototyps des Barcelona-Chair von Mies van der Rohe - durch eine Depot-Präsentation in zweigeschossigen Gitterkäfigen zu unterbinden. Nur ist diese Idee nicht so neu, dass sich ein abgebrühtes Publikum sonderlich schockieren ließe. Schon ärgerlicher stimmt die Lässigkeit, mit der man kleinere Objekte und Bilder "den üblichen Standards musealer Präsentation" entzog: Etliche Objekte sind kaum zu sehen.

Dass sich ein genauerer Blick lohnt, zeigt die Auswahl von rund 400 Objekten aus der mittlerweile auf über 20 000 Inventarnummern angewachsenen Dessauer Sammlung. Denn auch Kleinigkeiten erzählen Geschichte(n): Das in drei Varianten präsentierte Bauhaus-Schachspiel Josef Hartwigs stellt die Frage nach dem authentischen Entwurf; mithin auch nach seiner Reproduzierbarkeit. Der Vergleich eines frühen Exemplars von Breuers Stahlrohrsessel B3 "Wassily" mit der Reedition von 1961 zeigt sinnfällig die Bedeutung eingesetzter Materialien - rostrotes Eisengarn-Gewebe contra schwarzes Leder.

Über die kommerzielle Bewertung von Unikat, "originalem" Serienprodukt und Nachbau informieren fingierte Frachtbriefe, die neben der Provenienz auch Angaben zu Ankaufspreis und Versicherungswert liefern. Sicher entbehrt es nicht des Unterhaltungswertes zu erfahren, dass für die Tischlampe von Richard Winkelmayer - 1926 an der Staatlichen Bauhochschule Weimar entstanden - eine Versicherungssumme von 75 000 Mark angesetzt ist. Das rare Stück wurde noch 1988 für 150 DDR-Mark erworben.

Bedeckt hält man sich bei der jüngsten Geschichte der eigenen Sammlung. Ein großer Teil der Spitzenstücke wurde erst 1991 bei der Lagerauflösung des Düsseldorfer Kunsthändlers Torsten Bröhan erworben. Mit Sondermitteln des Landes Sachsen-Anhalt - einer Summe von knapp drei Millionen Mark - sicherte sich Dessau etwa fünf Sechstel der gesamten Offerte: So schneiten die bedeutenden Prototypen der Weißenhof-Möbel, die Mies einst in seiner Berliner Wohnung am Karlsbad aufgestellt hatte, für 325 000 Mark ins Haus. Bröhan, der sie 1988 für 100 000 Mark übernommen hatte, war zuvor mit einer Preisforderung von 580 000 Mark gescheitert. Einer dieser Stühle steht nun in der Ausstellung - ohne Angabe des Kaufpreises.

Unverständlich ist auch, dass die derzeitigen Versuche zur Etablierung einer Marke "bauhausdessau" nicht thematisiert werden. Peter Hahn, als Direktor des Berliner Bauhaus-Archivs Hüter zahlreicher Nachlässe, sieht in der verkaufsfördernden Garnierung aktueller Entwürfe mit dem Bauhaus-Label einen "historischen Etikettenschwindel mit staatlicher Autorisierung". Streiten kann man sich über das Bauhaus also nach wie vor trefflich - wenn alle Karten offen liegen.

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