Baukultur : Die reparierte Stadt

Kinder an die Macht, das war einmal. Jetzt heißt es von höherer Stelle: Lasst die Laien reden! Unter dem Titel „Identität durch Rekonstruktion?“ hat das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Abteilung Baukultur, zur „ersten öffentlichen Baukulturwerkstatt“ eingeladen.

Michael Zajonz

Kinder an die Macht, das war einmal. Jetzt heißt es von höherer Stelle: Lasst die Laien reden! Unter dem Titel „Identität durch Rekonstruktion?“ hat das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Abteilung Baukultur, zur „ersten öffentlichen Baukulturwerkstatt“ eingeladen.

Die Veranstaltung wird zur Lektion, ach was, zur Sternstunde im Nachdenken über zerstörte und – vielleicht – durch Rekonstruktion wiederzugewinnende Baudenkmale. Und das durch den Beitrag eines Literaturwissenschaftlers. Peter Bürger liest den versammelten Architekten und Denkmalpflegern sehr persönlich und umso überzeugender die Leviten. Bürger erzählt von Kriegs- und Nachkriegserlebnissen. Warum er es für legitim hält, zerstörte Baudenkmale über 60 Jahre nach Kriegsende noch rekonstruieren zu wollen. Und warum ihn und seine Frau die Bauarbeiten an der Dresdner Frauenkirche begeistert haben, das fertiggestellte Bauwerk jedoch enttäuscht.

Der Bürger Bürger hält einen ebenso flammenden wie nachdenklichen Appell an die Fachwelt, vorhandene Sehnsüchte ernst zu nehmen. Sehnsüchte, die auf einer kollektiven Verlusterfahrung beruhen, auf der „seelischen Krankheitsgeschichte der Deutschen“ (W. G. Sebald) in der Nachkriegszeit. Das Trauma wirkt bis heute. Es wurde still im Saal, als Bürger gelungene Architektur-Rekonstruktionen als seelische Gehhilfen charakterisierte: „Sie sind schmerzlich schöne Verweise auf einen nicht wiedergutzumachenden Verlust.“

Zuvor hatten Architekten und Planer einen quälend langen halben Tag gefachsimpelt, als wären das Land und seine Bewohner, um die es schließlich geht beim Thema Baukultur, seit 20 Jahren stillgestellt. Soziologendeutsch und Architektensprüche. Un-Begriffe wie „Gelegenheitsfenster“ und Architektenängste vor „den Chinesen“, die unsere „europäische Stadt“ nicht verstünden. Bekannte Meinungen, bekannte Gesichter. Kaum Bewegung.

Einerseits. Andererseits beschäftigt sich endlich auch das Tiefensee-Ministerium mit dem Rekonstruktionsboom. Für die Behörde ist es eigentlich fünf nach zwölf, sie wird zum Bauherrn einer der größten Rekonstruktionsvorhaben überhaupt. Das Wettbewerbsverfahren für die Errichtung des Humboldt-Forums in den Fassaden des Berliner Schlosses wird demnächst entschieden. Doch vom Schloss war auffallend wenig die Rede, obwohl sich Wilhelm von Boddien und andere Bannerträger des neuen Historismus natürlich unters Publikum gemischt hatten.

Man hätte sich nur einmal gründlich umsehen müssen im Bärensaal des Alten Stadthauses am Molkenmarkt, um Alternativen zur Rekonstruktion konkret zu machen. Bei der Sanierung vor ein paar Jahren wurden Spuren von Kriegszerstörung und DDR-Nutzung sichtbar belassen – wie es derzeit auch am Neuen Museum durch David Chipperfield geschieht.

Ein anderer Weg wird gleich hinterm Alten Stadthaus in der Klosterstraße bei der Turmsanierung der barocken Parochialkirche beschritten. Für die kriegszerstörte Turmhaube sammelt nun der Bürgerverein „Denk mal an Berlin“ Spenden zur Rekonstruktion. Fazit: Wenn es um Stadtreparatur geht, gibt es keine Patentrezepte. Aber eine Informations- und Diskussionspflicht gegenüber den Bürgern. Die bezahlen ja schließlich auch für den Erhalt und Umbau ihrer Städte.

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