Kultur : Baukunst: Kiste im Gebirge

Jürgen Tietz

An den Hängen der Schweizer Berge gedeiht gute Baukunst. Namen wie Peter Zumthor oder Herzog & de Meuron bergen schließlich eine Verpflichtung. Und so ist es für das Berliner Büro Barkow Leibinger eine besondere Herausforderung, in der Schweiz zu bauen. In dem kleinen Ort Grüsch im Kanton Graubünden haben sie jetzt ein neues Gründerzentrum verwirklicht. Die Präsentation des Gebäudes bildet zugleich den Schlusspunkt der ersten Ausstellungsserie der jungen Berliner Galerie "suitecase architecture". Zu ihrem Ausklang ist ein schmaler, aber sehr informativer Katalog erschienen. Er fasst die Entwürfe jener sechs Büros zusammen, die Beate Engelhorn und Kristien Ring in diesem Sommer in der Choriner Straße vorgestellt haben.

Auf den ersten Blick präsentiert sich das Gründerzentrum von Frank Barkow und Regine Leibinger als einer dieser typischen roten Holzkästen auf grauem Betonsockel, die in den letzten Jahren gleich dutzendweise entstanden sind. Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn bei näherer Betrachtung erweist sich das Gebäude als eine komplexe Einheit aus übereinander aufgeschichteten Bauvolumina. Brückenartig liegt es in der Landschaft, von langgestreckten Rampen erschlossen. Im Inneren verfügt die rote Kiste über weite, stützenlose Arbeitsräume für Büros, Werkstätten, Konferenzräume und eine Kantine. Das Spiel mit Bauvolumen und Bautechnik erweist sich als eine intensive Auseinandersetzung mit Vorbildern der Klassischen Moderne, die von Barkow Leibinger in eine zeitgemäße Sprache übersetzt werden. "Site-seeing" haben die Architekten die Präsentation ihres Gebäudes genannt. Es greift aus und bildet Räume. Das Haus nimmt Besitz von der Landschaft und wird dadurch selbst zu einem Stück gebauter Landschaft. Zugleich besitzt es durch seine komplizierte Konstruktion eine höchst artifizielle Note, die es über die Klarheit der Landschaft heraushebt. Barkow Leibinger begeben sich mit ihrem Schweizer Gründerzentrum an jene Grenze, wo Architektur und Baukunst ineinander übergehen.

Doch gerade darin fügt sich ihr neues Gebäude konsequent in die anderen Arbeiten des Büros. Die sind durch eine gewisse Strenge gekennzeichnet, was etwa die Materialauswahl betrifft. Zudem eint sie der Versuch, mit der Architektur auf regionale Situationen zu reagieren. Dies gilt auch im Fall jener Laserfabrik in Stuttgart (1998), die in dem jüngst von Georg Wagner besorgten Werkbericht der Jahre 1993-2001 dokumentiert ist. Die Fabrik zeichnet sich durch ihre Dachstruktur aus, die aus schwach geneigten Satteldächern besteht, die gegeneinander versetzt wurden. So entsteht eine kleinteilige, unruhige Dachfläche, die der Aufteilung der Felder in der Umgebung der Fabrik vergleichbar ist. Auch hier besitzt der Rückbezug zur Landschaft eine höchst artifizielle Note, die für Barkow Leibinger mittlerweile den Charakter einer Handschrift besitzt.

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