Kultur : Baumblüte zur Zeit der Hinrichtung

KATRIN HILLGRUBER

Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem. Gedichte, 1999. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 96 S. , 29,80 DM. Hoch über der historischen Heidelberger Altstadt, in unmittelbarer Nähe des Schlosses, feiert die Lyrikerin Hilde Domin heute ihren neunzigsten Geburtstag. Erst kürzlich hatte die offiziell Siebenundachtzigjährige das Geheimnis ihres wahren Alters gelüftet. Ihr jüngster, bei S. Fischer erschienener Gedichtband "Der Baum blüht trotzdem", der weitgehend Unveröffentlichtes enthält, spart die Jahreszahl 1909 oder 1912 aus. Bei einem preisgekrönten Gesamtwerk, das längst zum Kanon deutschsprachiger Gegenwartslyrik gehört und dessen durchaus zugängliche Hermetik dazu führte, daß Übersetzungen in sechzehn Sprachen vorliegen, mutet die falsche Altersangabe als damenhafte Petitesse an. Vielleicht wollte die Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts aus Köln 1959, beim Erscheinen ihres ersten Gedichtbands "Nur eine Rose als Stütze", nicht als fünfzigjährige Debütantin erscheinen - als Mitarbeiterin ihres Mannes, des Kunsthistorikers Erwin Walter Palm, kannte die Jaspers-Schülerin alle Vorurteile des Kulturbetriebs. In der 1968 erschienenen poetologischen Streitschrift "Wozu Lyrik heute - Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft" setzte sie sich mit Mechanismen literarischer Meinungsbildung scharfsinnig und satirisch auseinander.Der Widerspruch von Bedrohung und Verlust, von Hoffnung und Rettung prägt Hilde Domins Schaffen. Die Erfahrung des Exils, das 1933 auf einer Studienreise nach Rom eher zufällig begonnen hatte, sollte ihr Leben bestimmen. Ihre einprägsame, eingängige Metaphorik, die, von den Sprachzweifeln der Moderne scheinbar unberührt, fest an die Macht des Wortes, an die risikoarme Symbolik der Tauben und Rosen glaubt, hat sie berühmt gemacht. Es ist ein ähnlicher, den direkten Weg in die Schulbücher weisender Ruhm wie der Erich Frieds. Die appellativen Zeitgedichte der beiden Autoren lassen sich bis zu einem gewissen Grad vergleichen, etwa Domins sogenanntes öffentliches Gedicht "Napalm Lazarett". In dem Poem "Landen dürfen" aus ihrem neuen Buch erweist Hilde Domin der Dominikanischen Republik, Domizil des Ehepaars Palm von 1940 bis 1954, als Ort der Rettung und persönlichen Neubenennung ("Domin") ihre Reverenz: "Ich nannte mich / ich selber rief mich / mit dem Namen der Insel. / Es ist der Name eines Sonntags / einer geträumten Insel. / Kolumbus erfand die Insel / an einem Weihnachtssonntag." Die Lyrik wurde für die Deutsch-Dozentin und Übersetzerin zum "zweiten Paradies", wie der Titel ihres autobiographischen Romans lautet.Ihr Urvertrauen in die lang entbehrte deutsche Sprache leitet die Lyrikerin Domin: "Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug." Sie postuliert das Wort als autonome, von geschichtlichen Katastrophen unanfechtbare Instanz, der sie gleichzeitig eine ins Anthropologische gesteigerte Verbindlichkeit abverlangt. In diesem Sinne läßt sich ebenfalls die titelgebende Zeile "Der Baum blüht trotzdem" verstehen. Sprache wird, wie die Natur, zum überindividuellen Daseinsfaktor: "Immer haben die Bäume auch zur Hinrichtung geblüht. . . . Mancher sagt ein Wort zu dir / oder du glaubst, daß er spricht / im Vorbeigehn / Weil es so still ist." Die Gedichte aus "Der Baum blüht trotzdem" offenbaren in ihrer Gesamtheit keine selbstgenügsame Altersweisheit, sondern Hinwendung zu den Dingen. Das lyrische Ich nimmt diese nicht einfach zur Kenntnis, es erhofft sich Erkenntnis, die auf "die dunkle Stelle am Ende der Erinnerung" trifft. Ihre wache dichterische Präsenz wird Hilde Domin zum Glück zahlreicher Leser ins nächste Lebensjahrzehnt begleiten.

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