Kultur : Baumeister der Demokratie

Zum Tod des Architekten Günter Behnisch

Schulbildend für eine ganze Generation. Günter Behnisch (1922 – 2010). Foto: ddp
Schulbildend für eine ganze Generation. Günter Behnisch (1922 – 2010). Foto: ddpFoto: ddp

Harmoniesüchtig ist er im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht gewesen, dennoch gilt für ihn wie für keinen der großen Architekten des 20. Jahrhunderts: Er hat für die Menschen gebaut. Den Dingen nachspüren, die Menschen beobachten, ihnen Freiräume eröffnen, Licht und Natur in die Architektur miteinbeziehen, das war das Credo von Günter Behnisch. Er war offen für Improvisation und das Unvollkommene, er vermied alles Vorbestimmte, Vorgegebene, er verabscheute alles Normierte und Herrische, und er hasste das Militär. Behnisch, 1922 in Lockwitz bei Dresden geboren, studierte Architektur in Stuttgart und gründete dort 1952ein Büro, das er ab 1966 mit Fritz Auer, Winfried Büxel, Manfred Sabatke, Erhard Tränkner und Carlo Weber in die Bürogemeinschaft Behnisch & Partner umwandelte. 1989 löste sich das zu den erfolgreichsten deutschen Architekturbüros gehörende Team allerdings auf. Mit Sohn Stefan und Günther Schaller betrieb Behnisch ein neues Büro, das heute als Behnisch Architekten firmiert.

Mit seinen ersten Bauten, hauptsächlich Schulen in Baden-Württemberg, leistete er durch den Einsatz von Vorfertigungsmethoden Pionierarbeit, weshalb er 1967 als Nachfolger des Normierungspapstes Ernst Neufert an die TH Darmstadt berufen wurde. Industrialisiertes Bauen sollte er den Studenten beibringen. Doch die „rechthaberischen Gebäude“ waren ihm bald zuwider, und so lässt sich etwa in der Genealogie seiner Schulbauten verfolgen, wie sich seine Architektur zunehmend von rationalistischen Zwängen befreite. Die noch strenge Rundform in der Schule Oppelsbohm (1969) ist in Lorch (1973) zu einem freien Gefüge aus einem Klassenrund mit ausstrahlenden Trakten entwickelt, das wegweisend wurde.

Behnischs bekanntestes Werk ist gewiss der Münchner Olympiapark (1967 - 1972). Die unter Mitwirkung von Frei Otto entstandene Zeltdachkonstruktion erscheint wegen des ingenieurtechnischen Aufwands auf den ersten Blick für Behnisch eher untypisch. Sie entspricht jedoch seiner Auffassung von Architektur als anpassungsfähiger, dem Menschen dienender künstlicher Umwelt. So hat Behnisch den Charakter der „heiteren Spiele“ in München mitgeprägt.

Spätere Arbeiten lassen sich dem Dekonstruktivismus zuordnen, so das Hysolarinstitut im Campus der Universität Stuttgart (1987), das aussieht, als habe man einige Container zusammengeschoben und dann ein gläsernes Dach darüber gebastelt. Als Günter Behnisch nach langer Planung Ende der Achtziger den Plenarsaal des Bonner Bundestags bauen konnte, wurde seine Idee der heiteren, „demokratischen“, sich durch Transparenz auszeichnenden Architektur erstmals breit diskutiert. Dabei hatte er durch seine langjährige Lehre und über Hunderte von Mitarbeitern längst schulbildend für eine ganze Generation vor allem im Südwesten Deutschlands gewirkt.

Nach der Wende erregte Behnisch Aufsehen in Dresden, als er dem Neubau des Benno-Gymnasiums die ortsübliche Sandsteinfassade verweigerte und sie mit fröhlichen Farben ausstattete. Geradezu genüsslich verfocht Behnisch seine Sache beim Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Nie hatte er in der architektonisch völlig gegensätzlich gepolten Hauptstadt eine Chance bekommen, seine Visitenkarte abzugeben. Nun gelang es der Akademie, seinen Entwurf mit der Glasfassade durchzusetzen. Im Zentrum des retrospektiven, steinernen Berlin war das ein später Triumph.

Am Montag ist Günter Behnisch mit 88 Jahren in Stuttgart gestorben. Akademie-Präsident Klaus Staeck würdigte ihn als politisch engagierten Architekten, der seine Entwürfe stets auch als Bekenntnis zur Demokratie verstanden habe.

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