Kultur : Bayer AG: Da hilft nur Aspirin

Rolf Obertreis,Walter Pfaeffle

Von Ruhe kann in Leverkusen beim Bayer-Konzern keine Rede sein. Und dennoch herrscht Stille. Nur kein falsches Wort nach außen dringen lassen, nur keine Stellungnahme abgeben. Und wenn doch, dann kurz und knapp: "Wir werden uns verteidigen", ist ein knapper Satz. "Wir halten die Klagen für unbegründet", ein anderer. Das soll Selbstbewusstsein demonstrieren. Nach außen gelassen wirken, das scheint die Devise. Denn nun ist eingetreten, was alle Beobachter schon längst orakelt hatten. In den USA wurde eine Sammelklage gegen das Unternehmen eingereicht. Weitere werden folgen. Nach dem weltweiten Rückruf des Cholesterin-Senkers Lipobay haben US-Anwälte einen regelrechten Wettbewerb um potenzielle Kläger gegen die deutsche Bayer AG und die britische GlaxoSmithKline Plc gestartet. Bayer hatte das Medikament hergestellt und gemeinsam mit GlaxoSmithKline als Baycol beziehungsweise Lipobay vertrieben, ehe der Verkauf vorige Woche eingestellt wurde. Mehr als 50 Todesfälle werden mit der Einnahme des cholesterinsenkenden Mittels in Verbindung gebracht.

Bei solch fatalen Neuigkeiten kennt auch die Börse keine Gnade. Und das Schweigen der Verantwortlichen macht es nicht besser: Die Aktie von Bayer ist unten durch. Und das auf lange Zeit. "In den nächsten Monaten, wenn nicht sogar Jahren, wird das Unternehmen unter diesem Thema leiden", sagt Fiedel Helmer, Börsenchef des Bankhauses Hauck & Aufhäuser.

Lipobay, vor einer Woche an der Börse noch ein Fremdwort, kennt mittlerweile jeder auf dem Parkett in Frankfurt. Für die Börsianer ist es ein Rückschlag in einer ohnehin schwierigen Zeit. Und dann erwischt es auch noch ein alt eingesessenes Unternehmen der "Old Economy", auf die man eigentlich gerade jetzt wieder verstärkt setzt. Und jetzt auch noch eine Klagewelle. Das könne Millionen, vielleicht Milliarden kosten, fürchtet Helmer. "Die Anwälte werden keine Ruhe geben."

Davon ist auszugehen. In Florida und Oklahoma hat der Fall zu den ersten Klagen geführt und in North Carolina sammelt eine Kanzlei Unterschriften mit derselben Absicht. Zuletzt wollten die Kanzleien Nagel Rice Dreifuss & Mazie und Fagan & Associates aus Livingston im US-Staat New Jersey beim dortigen US-Bundesdistriktgericht einen Zivilprozess beantragen. "Die Gesundheit von mehr als 700 000 Patienten steht auf dem Spiel", sagte Edward Fagan.

In der Bayer-Klage geht es laut Fagan vor allem darum, alle Dokumente im Zusammenhang mit dem Rückruf sicherzustellen. Darüber hinaus fordern die beiden Kanzleien angesichts der hohen Zahl potenziell Geschädigter die sofortige Einrichtung eines medizinischen Überwachungsprogramms. Fagan und sein Partner rechnen mit Tausenden von Mitklägern. Im Namen von "Salvatore Galasso als Einzelperson und allen anderen in einer ähnlichen Situation" fordern sie Schadenersatz, die Kostenrückerstattung für die Medikamente, die Finanzierung des Überwachungsprogramms und die Bestreitung der Anwaltskosten. Haben die Beklagten zum Zeitpunkt der Vermarktung und des Vertriebs gewusst oder hätten sie wissen sollen, ob das Präparat allein oder zusammen mit einem anderen Mittel gesundheitsgefährdende Auswirkungen haben würde? Haben es die Beklagten versäumt, die Patienten früh genug vor den Gefahren von Baycol und Lipobay zu warnen, will der Kläger laut Schriftsatz wissen. Die Anwaltskanzlei Duffus & Melvin aus Raleigh im US-Staat North Carolina sammelt mithilfe von Zeitungsanzeigen Adressen von Geschädigten. 200 Patienten hätten sich bereits gemeldet. In vier Wochen soll der Fall vor ein Bundesgericht kommen.

In Tallahassee, der Landeshauptstadt Floridas, reichte am Montag der Anwalt Tom Equels aus Orlanda im Namen der Klägerin Melissa Elaine Smith Klage ein. Die Frau leide seit der Einnahme von Lipobay an Muskelproblemen und chronischer Müdigkeit. Und in Oklahoma City prozessiert der Medizinrechtler Don S. Strong gegen den Leverkusener Konzern. Strong sagte auf telefonische Anfrage, er gehe davon aus, dass die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der Einnahme von Lipobay erst nach und nach bekannt werde. "Es wird eine gewaltige Zahl sein", sagte Strong.

In Deutschland sind sich angesichts dieser Meldungen die Börsianer einig. All das wird auch das übrige Arzneimittelgeschäft der Leverkusener jenseits des Atlantiks drücken. "Dabei ist das der wichtigste Markt für die Pharmasparte von Bayer", sagt Helmer. Ein Unternehmen lebt von Gewinnen und damit auch die Aktie. Da sieht es jetzt bei Bayer mau aus. Ganz mau. Nicht nur in der Pharmasparte. Auch das Chemiegeschäft bei Bayer bringt derzeit wenig. Das wissen die Börsianer. Manchmal reagieren sie irrational, in diesem Fall aber sehr logisch. Die Anleger haben Bayer-Aktien verkauft. Massenhaft. In Panik. Dabei wurde ein stattliches Vermögen vernichtet.

Als die Nachricht von den wohl fatalen Auswirkungen des Medikaments und der Verkaufsstop von Lipobay über Ticker lief, brach der Kurs der Aktie um über 17 Prozent von 45,35 Euro auf 37,45 Euro ein. Gestern waren es zunächst weniger als 34,67 Euro. Wieder ein deutliches Minus von über vier Prozent gegenüber dem Vortag. Die Klagen in den USA machen auch die letzten Anleger scheu. Bayer ist an der Börse heute nur rund 24 Milliarden Euro wert. Anfang August waren es noch deutlich mehr als 31 Milliarden Euro. Es wird weiter runtergehen. Je höher und je konkreter die Schadenersatz-Forderungen werden. Die Bayer-Aktie ist keinen Kauf mehr wert. Für lange Zeit.

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