Bayerische Staatsoper : Aus dem Takt

Der Dirigent Kent Nagano verlängert seinen Vertrag mit der Bayerischen Staatsoper nicht und überlässt dem Intendanten Nikolaus Bachler das Feld. Für viele Münchener Klassikfans ist das ein Schock

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Diener der Musik. Kent Nagano im Münchner Nationaltheater. Foto: dpa
Diener der Musik. Kent Nagano im Münchner Nationaltheater. Foto: dpaFoto: dpa

Es kann also doch nur einen geben: Kent Nagano überlässt Nikolaus Bachler die Bayerische Staatsoper. Am gestrigen Dienstag ließ der 58-jährige amerikanische Dirigent japanischer Herkunft eine offizielle Erklärung verbreiten, in der es heißt, er stehe für eine Vertragsverlängerung als Generalmusikdirektor des Münchner Hauses nach 2013 nicht mehr zur Verfügung. Mit anderen Worten: Er erkennt den Intendanten als alleinigen Hausherren an, so wie es die rechtliche Konstruktion des Nationaltheaters auch vorsieht.

Für viele Münchner Klassikfans ist das ein Schock. Denn das Nebeneinander zweier sehr unterschiedlicher künstlerischer Handschriften an Deutschlands größtem Musiktheater schien ihnen gerade attraktiv. Auf der einen Seite der große Zampano Nikolaus Bachler, ehemals Wiener Burgtheaterdirektor und leidenschaftlicher Anhänger der italienischen Hochemotionsoper, der für Premierenglanz und Starbesetzungen sorgt. Und auf der anderen Seite der introvertierte Maestro, der schweigsame Zen- Meister Nagano, der mit sensiblen Partiturausdeutungen die Feingeister im Publikum beglückt und den Fans der im barocken Bayern geschätzten klanglichen „Doppelrahmstufe“ zumindest ein meditatives Wellnesserlebnis vermittelt.

Als „glamourfreie und streng auf Inhalte ausgerichtete Seriosität“ beschreibt die „Süddeutsche Zeitung“ Naganos Arbeitsstil. Beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, das der Dirigent von 2000 bis 2006 leitete, kam dieser uneitle Dienst an der Musik ebenso gut an wie seine Vorliebe für ungewöhnliche Werkzusammenstellungen und sein kühler, mitunter kühner Blick auf die Klassiker im Repertoire, besonders der Spätromantik.

An der Bayerischen Staatsoper, wo die Hausgötter Mozart, Wagner und Strauss heißen, setzte er diese ästhetische Linie konsequent fort. In der kommenden Saison wird Nagano lediglich die Neuinszenierung von Messiaens „Saint François d’Assise“ sowie einen Doppelabend mit Ravels „L’enfant et les sortilèges“ und Zemlinskys „Der Zwerg“ leiten. Echte Chefstücke wie „Fidelio“ und „Rusalka“ überlässt er dagegen Kollegen, die sich mehr aufs Hochdramatische verstehen.

Mit ein wenig gutem Willen hätten die beiden Alphatiere Nagano und Bachler also in friedlicher Koexistenz nebeneinander wirken können. Doch es sollte nicht sein. Bachler hat sich durchgesetzt. Dabei ist er der später Hinzugekommene. Eigentlich hätte Nagano nach dem Willen des früheren Kunstministers Hans Zehetmair mit Christoph Albrecht (ehemals Dresdner Staatsoper) zusammenarbeiten sollen. Eine Kombination, die funktioniert hätte, da Albrecht nicht zur Kategorie dominanter Machtmenschen gehört. Doch 2006 macht Zehetmairs Nachfolger Thomas Goppel den Vertrag mit Albrecht rückgängig und verpflichtete stattdessen Bachler.

Aufgrund dieser Volte musste Nagano ab 2006 seine ersten beiden Jahre in München alleine managen – was ihm nach Meinung der Beobachter vor Ort auch gut gelang. Dann trat der neue Intendant auf und machte von Anbeginn kein Hehl daraus, dass er mit der stilistischen Ausrichtung seines Generalmusikdirektors wenig anfangen konnte. Nun sieht es aus, als habe er ihn weggemobbt. „Mit meiner Entscheidung, für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung zu stehen“, schreibt Kent Nagano, „möchte ich verhindern, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die Öffentlichkeit und die Stadt München einer Atmosphäre kulturpolitischer Spekulationen und Spannungen ausgesetzt werden, die letztlich allen Beteiligten Schaden zufügen und der noblen, einmaligen Tradition der Bayerischen Staatsoper, dem Ruf Münchens und seiner Gesellschaft nicht gerecht werden.“

Ob Nagano unter den gegebenen Bedingungen seinen Vertrag überhaupt noch erfüllen mag, wird sich bald zeigen. In der konsequent aufgebauten Laufbahn, die den karrierebewussten Maestro von Lyon und Berlin über München und Kanada (wo er seit das 2006 das Orchestre Symphonique de Montréal leitet) mindestens an die New Yorker Met oder zu einem der großen amerikanischen Orchester führen kann, wird die Münchner Niederlage wohl eine hässliche Delle hinterlassen.

„Die kulturelle Prägung Münchens, seine Tradition und Atmosphäre sowie besonders meine Kolleginnen und Kollegen haben es mir erlaubt, als Künstler zu wachsen. Sie sind anspruchsvoll, sachkundig, flexibel und neugierig und unterstützen meine künstlerischen Visionen freundschaftlich und enthusiastisch“, resümiert Nagano seine bisherige Zeit an der Isar. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ An den Musikern liegt es diesmal also nicht, wenn mal wieder ein bekannter Dirigent das Handtuch wirft.

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