Kultur : Bayern München: "Willensstärke kann man nicht lernen"

Hatte Bayern München bei seinem Sieg eigentli

Hatte Bayern München bei seinem Sieg eigentlich bloß Glück, oder hat dieser Verein auch eine besondere Mentalität, gar eine Siegermentalität?

Das mit der Siegermentalität halte ich für eine reine Mystifizierung, für eine Form von Verherrlichung sportlicher Siege. Vor zwei Jahren, beim Spiel gegen Manchester United, haben die Bayern in letzter Minute zwei Tore kassiert, und auch jetzt sahen sie in der 90. Minute nicht aus wie Sieger.

Aber nur für wenige Minuten.

Ja, aber das liegt an den Führungsfiguren. Es gibt einzelne Personen, zum Beispiel Kahn und Andersson, die bis zur letzten Sekunde nicht aufgeben und alle anderen mitreißen. Schalke hat keine so markanten Spieler, deren Wille die Mannschaft mitzieht.

Können wir daraus lernen, dass es ganz und gar auf den Einzelnen ankommt?

In gewisser Weise ja. Das gibt es ja auch im wirklichen Leben: Dass Menschen durch ihre unglaubliche Energie und Hingabe, durch ihren unbeugsamen Willen andere mitziehen. Ihr Wille ist fast schon tyrannisch und kann den Umgang mit ihnen schwer machen. Im Spiel hatte Kuffour schon resigniert, aber Kahn stieß ihn wieder nach vorne. Es hat etwas mit der Einstellung zum Spiel zu tun: zu gewinnen oder zu verlieren.

Und dieser Wille überträgt sich ohne Worte?

Er springt über, durch Gestik, Mimik, die anderen auf dem Platz spüren das einfach. Im übrigen: Das Entscheidende steht ja noch aus. Die Bayern leiden unter dem Trauma der letzten Minuten, und das können sie nur überwinden, wenn sie am Mittwoch gewinnen. Wenn nicht, wird sich dieses Trauma noch vertiefen.

Wie schafft man es eigentlich, unter Hochdruck so gut zu funktionieren?

Das ist es ja gerade: Das lässt sich nicht trainieren. Es ist zwar auch eine Frage der Mobilisierung von Kräften, aber nicht nur. Auch der bedingungslose Glaube an sich selbst muss da sein, und das kann man nicht üben. Auffällig ist, dass einige Menschen diesen Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit auf geradezu furchterregende Weise verkörpern, Franz Beckenbauer zum Beispiel.

Kann man damit den Gegner einschüchtern?

Die Leute, die über Willenskraft verfügen, sind von dieser Gabe überzeugt. Gleichzeitig, wenn sie damit erfolgreich sind, sind auch die Gegner von der Stärke des anderen überzeugt. Das schwächt den Gegner weiter. Das ist ein psychischer Effekt, den man im Sport in Reinkultur hat: dass man dem anderen seine Siegeszuversicht aufdrängen kann.

Und was macht das so faszinierend?

Auf dem Spielfeld gibt es keine Kompromisse. Im Büro, im Privatleben muss man immer Kompromisse schließen, Leute schonen. Auf dem Fußballfeld gibt es keine Höflichkeit und keine Politik. Das ist das Faszinierende - es ist Kampf pur. Und nach 90 Minuten ist es zuende.

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