Bayreuth : Der weiße Ritter

Kurz vor der Entscheidung: Nike Wagner bewirbt sich mit Gérard Mortier um Bayreuth. Sie allein hätte wenig Chancen gehabt.

Christine Lemke-Matwey

Es ist das letzte Schnippchen, das sie schlagen kann. Und es ist eine klare Kampfansage. Nike Wagner – zähe und einzige Konkurrentin ihrer beiden Cousinen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner um die Thronfolge bei den Bayreuther Festspielen – hat ihre Bewerbung am Sonntag per Fax erneuert und sich mit dem belgischen Theater- und Festivalleiter Gérard Mortier (64) eine international renommierte Persönlichkeit ins Boot geholt, um die die Entscheider auf dem Grünen Hügel so ohne Weiteres nicht herumkommen dürften. Kurz vor Toresschluss (und insofern clever!) doch noch einmal alles auf Anfang, alles wieder offen oder zumindest offener?

Am 1. September tritt der Stiftungsrat der Festspiele in Bayreuth zu zwei Sitzungen zusammen, um 11 Uhr und um 13 Uhr. Wie die Tagesordnung genau formuliert sein wird, scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar zu sein. Anschließend jedenfalls muss auf der Pressekonferenz um 16 Uhr entweder eine neue Festspielleitung präsentiert werden oder ein Konstrukt, das die Entscheidung aus aktuellem Anlass vertagen hilft und dennoch kein rechtliches Vakuum bedeutet. Kopflose Festspiele sieht die Stiftungssatzung vom 2. Mai 1973 keinesfalls vor.

Interessantes Detail: Da Wolfgang Wagner Ende April als Festspielleiter zurückgetreten ist, erlischt zum 31. August auch der Mietvertrag für das Festspielhaus. Springt hier nun die Festspiele- GmbH (deren Gründer und Geschäftsführer Wolfgang seit 1986 war und die die Festspiele bis heute durchführt) in die Bresche? Ja, wird am Ende vielleicht überhaupt nur ein neuer Festspielunternehmer und Geschäftsführer eben jener GmbH gesucht, die, von der Knute des Wolfgangschen Lebenszeitwirkens erlöst, in Zukunft frei schalten und walten kann? Faktisch käme dies einer Entmachtung des Stiftungsrates gleich.

Wie Wolfgang Wagner seine absolutistische Stellung 42 Jahre lang durch Verträge zu verfestigen wusste, so verschränken sich nun, unverhofft, das Juristische und das Künstlerische, das Künstlerische und das Juristische. Wer die Bayreuther Festspiele neu justieren und zukunftstauglich machen will, der muss beides anpacken. Ob eine knappe Woche dafür ausreicht, dürfte fraglich sein. Nike Wagner mag ihr Konzept in den Grundfesten nicht verändern, neu einreichen wird sie es in jedem Fall, schon um Gérard Mortier die Gelegenheit zur Unterschrift zu geben. Zeit hat sie dafür bis Freitag (Stichtag ist Sonntag, der 31.8.). Sollte der Stiftungsrat nur wenige Stunden später vor die Öffentlichkeit treten, um ihre Bewerbung begründet abzulehnen, macht er sich lächerlich. Man werde auf Grundlage der beiden eingereichten Konzepte entscheiden, so ein Regierungssprecher am Montag in Berlin. Dafür aber, wie gesagt, braucht man Zeit. Mehr Zeit.

Das Ganze ist also in der Tat ein veritabler Coup. Dass Nike allein wenig Chancen gehabt hätte, war klar. Dass sie bei den üblichen Verdächtigen in der Intendantenszene – erfolglos – angeklopft haben wird (Peter Jonas, Klaus Zehelein), kann man sich ausrechnen. Auch um Gérard Mortier, heißt es, habe sie ringen und bangen müssen. Einerseits war fraglich, ob die New York City Opera, an die der Belgier just mit diesem Herbst wechselt, von der Sommerfrische ihres neuen Chefs so erbaut sein würde; andererseits hat sich der 64-Jährige seine Sporen nicht als Wagnerianer verdient, ganz im Gegenteil. Diese programmatische Unerfahrenheit (was wäre bei Mortier nicht programmatisch?) könnte ihm der Stiftungsrat im Ernstfall verübeln.

Im Aufbrechen verkrusteter Strukturen allerdings (als Karajan-Nachfolger in Salzburg), in der Entdeckung und behutsamen Pflege des musiktheatralischen Nachwuchses (in Brüssel), im Entwickeln neuer Festival-Visionen (bei der Ruhr- Triennale), da hat Mortier stets geglänzt. Auch für die Berliner Opernstiftung war er im Gespräch. Insofern mag der Bayreuther Status quo für ihn wie geschaffen sein. An der Pariser Oper freilich, der er zuletzt verpflichtet war, wurde man mit ihm nicht recht glücklich. Zu viel Regietheater, stöhnte das konservative Frankreich; zu viel Recycling der immergleichen Wernicke-Marthaler-Bondy-Produktionen, stöhnten alle anderen.

Ein wenig weht einen aus Nikes Wahl also der Atem der Vergangenheit an. Wer zu lange nicht an die Macht darf, den bestraft die Kunst? Mit dem Belgier an ihrer Seite aber könnte es der Wieland-Tochter durchaus gelingen, Cousine Eva zum neuerlichen Treuebruch (diesmal gegenüber Katharina) zu verführen und auf ihre Seite zu ziehen. Spätestens dann hätte der Stiftungsrat am nächsten Montag ein echtes Problem. Bislang übrigens ist Eva während der laufenden Festspiele auf dem Grünen Hügel nicht gesichtet worden. Auch die Frau ist schlau.

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