Bayreuth-Nachfolge : Die Familie stellt sich auf

Ein Clan und sein Plan: Wie die Wagner-Töchter sich um die Nachfolge bei den Bayreuther Festspielen bewerben.

Christine Lemke-Matwey
Katharina_Wagner
Katharina Wagner -Foto: dpa

Schöne neue Welt: Der praktische „Festspiel-Shopper“ zum Beispiel aus wasserfestem Tarpaulin (dem Material der Fahrradkuriere) fasst 15 Liter und kostet 7,50 Euro. Das Logo „Richard Wagner – Bayreuther Festspiele“ grüßt dabei so dezent in Silbergrau und Blaulila, dass man mit der „stylischen Tragetasche“ in jedem Pilates-Studio willkommen ist. Oder das Highlight der Saison, der Kristallquader Parsifal 2008: limitierte Auflage und ganz wie das Geschwisterstück Bayreuther Festspiele „wunderbar einsetzbar als dekorativer Briefbeschwerer“. Nur dass der eine, Parsifal, 30 Euro kostet und der andere 20 Euro, und man sich fragt, was der gemeine Festspielfetischist damit wohl beschweren will. Stromrechnungen? Seine Seele? Die diversen Zukunftspapiere der diversen Wagner-Abkömmlinge?

Zu haben sind all diese Artikel unter http://shop.bayreuther-festspiele.de/accessoires/. Das Geschäft, heißt es, läuft nicht schlecht. Und so lächerlich der Handel mit Devotionalien auch anmuten mag: Er ist, was den Grünen Hügel betrifft, symptomatisch. Dafür dass die virtuelle Wagner- Gemeinde wächst; und dafür, dass sich niemand mehr eine Zukunft ohne Medien und Marketing, ohne Internet, Public Viewing, TV-Liveübertragungen, CD- und DVD-Verkäufe vorstellen mag. Doch ist das Zukunft, Utopie genug? „Geistiges Geschwafel“ passe nicht auf die Bayreuther Bühne, so Katharina Wagner gestern im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“. Rumms.

Für wenige Stunden waren am vergangenen Freitag die beiden konkurrierenden Wolfgang-Wagner-Nachfolge-Konzepte im Netz nachzulesen (auf der 3-Sat-Seite wie bei faz.net). Jene sieben DIN-A4-Seiten also, die die Wieland- Tochter Nike Wagner gemeinsam mit der Wolfgang-Tochter Eva Wagner-Pasquier Ende März beim Stiftungsrat der Festspiele eingereicht hatte. Und auch das Konzept, das die Wolfgang-Tochter Katharina einen Monat später mit ihrer Halbschwester Eva vorlegte – auf Wunsch von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und des Bayerischen Kunstministers Thomas Goppel (CSU). Einzig durch eine Rehabilitierung Evas nämlich – die bereits 2001 zur Festspielleiterin ausgerufen und von ihrem Vater postwendend abgelehnt worden war – kann die Politik ihr Gesicht abschließend wahren. Und also wird es keine Lösung geben ohne sie. Evas Bitte jedenfalls, mit dem Seitenwechsel all ihre vorangegangenen Bemühungen als „überholt“ zu betrachten, kam man flugs nach.

Aber wird es auch keine Lösung geben ohne Katharina, Wolfgang Wagners Wunschmaid, die es seit ihrer Bayreuther „Meistersinger“-Inszenierung 2007 geschickt verstanden hat, sich so zu positionieren, als wäre ihre Ernennung nur mehr reine Formsache? Per einstweiliger Verfügung verschwand das Eva/Katharina-Papier rasch wieder aus dem Internet (im Gegensatz zum Nike-Papier). Keine öffentlichen Diskussionen mehr, hier gilt’s demnächst den Fakten?

Die vergleichende Lektüre indes enttäuscht. Zum einen, weil die Entwürfe so unterschiedlich nicht sind; zum anderen, weil beiden das Überraschende, Unerhörte, Zündende fehlt. Was Nike Wagner im Blick auf die 42-jährige Alleinherrschaft und Besitzstandswahrung ihres Onkels Wolfgang „das Aussitzen einer ganzen Generation“ nennt, hier trägt es bleierne, realpolitische Früchte. Heißt es bei Katharina zu Beginn, „Wagner in Bayreuth – das bedeutet höchste Authentizität“, so formuliert Nike im ersten Absatz: „Bayreuther Festspiele und Wagner sind identisch“. Sieht Katharina eine Spannung zwischen der „Exklusivität“ des Festivals und seiner „Öffnung“, so stuft Nike die Unverwechselbarkeit des Profils auch als „Gefährdung“ ein. Und wo bei Katharina „Stildifferenzen“ zwischen Regie und musikalischer Leitung zu vermeiden sind, da müssen Regisseur und Dirigent bei Nike „am selben Strang ziehen“.

Mundraub unter verfeindeten Kusinen? Wortklaubereien? Beim Stichwort Profilierungsbedarf immerhin tut sich eine leise Schere auf. Katharinas „Gewährleistung gleichmäßig hoher künstlerischer Qualität“, der Vorreiterrolle und dem Erscheinungsbild der Festspiele fügt Nike den wachsenden finanziellen Druck hinzu sowie Fragen an die „Globalisierungstendenzen in der Oper“. Eine Festspiel-Akademie wiederum wollen beide gründen, im Medialen ist man sich einig, und was das Repertoire betrifft, so wollen die einen den zehn Standardstücken höchstens „Rienzi“ hinzufügen (Katharina), die anderen mindestens „Rienzi“ – neben den „Feen“ und dem „Liebesverbot“ (Nike).

Natürlich gibt es auch handfeste Differenzen. Katharina etwa bestellt Christian Thielemann zum musikalischen „Berater“ und schreibt sich gleichzeitig das ästhetische Gegenteil auf die Fahne – Dirigenten, „deren Herkunft aus der historischen Aufführungspraxis einen neuen, aufschlussreichen Blick auf Wagners Partituren verspricht“. Pikant. Nike pocht derweil auf zwei Premieren, eine Off-Season zu Pfingsten und eine Bayreuther Dramaturgie, um im „Strom des Wagnerschen Klangzaubers nicht unterzugehen“. Lieber liest man, wenn sie schreibt, die Substanz der Werke müsse erarbeitet werden – denn darum geht es doch jenseits aller Videoscreens und Briefbeschwerer und ausgelaugten Regietheaterdebatten. Bei Katharina hingegen staunt man, dass der Bayreuther Geist zuletzt ausgerechnet durch eine verfehlte PR-Politik Schaden genommen haben soll. Das Wagner-Herz vermögen beide Papiere so nicht recht zu erwärmen.

Am 31. August läuft die Bewerbungsfrist im Nachfolgeverfahren Wolfgang Wagner ab, am 1. September tritt der Stiftungsrat in Bayreuth zusammen. Um die Festspiele nicht kopflos dastehen zu lassen, muss an diesem Tag etwas geschehen. Schlimmster Fall: Der „Alte“ – der bislang nur als Festspielleiter seinen Rücktritt angekündigt hat, nicht aber als Geschäftsführer der Festspiele GmbH – erfährt, dass die ins Auge gefasste Lösung nicht ganz seinem Willen entspricht und tritt zum zweiten Mal von seinem Rücktritt zurück. Unwahrscheinlich, aber möglich. Weil dem Stiftungsrat Katharinas Yellow-Press-Qualitäten nicht geheuer sind (wo ist eigentlich Peter Ruzicka geblieben, der das Team alsgewiefter Festspielleiter verstärken sollte?). Weil man Nike doch noch mit ins Boot holen will, der Aussöhnung der Wieland- mit den Wolfgang-Nachfahren halber, die so schön an Neu-Bayreuth 1951 erinnern würde. Oder weil es Nike in letzter Sekunde gelingt, die Stimmen der Familie mehrheitlich auf sich zu vereinigen. Möglich, aber unwahrscheinlich.

Der Vorschlag der Familie – laut Stiftungssatzung vordringlich zu behandeln – ergibt sich aus den vier Stimmen der vier Stämme: Wolfgangs Votum ist klar, das der Wieland-Kinder ebenso. Spannend wird es bei Verena Lafferentz, die 88-jährig am Bodensee lebt: Nike weiß sie bereits auf ihrer Seite. Noch spannender verhält es sich mit Neill Thornborrow, dem Erben Friedelind Wagners, einem britischen Theateragenten, der schon von Berufs wegen mit Eva zu tun gehabt haben dürfte. Erhofft er sich bei einer Eva/Katharina-Doppelspitze Synergieeffekte für seine Arbeit? Oder wäre just für ihn eine Konstellation nicht attraktiver, die Nike mit einem renommierten Intendanten und der erneut die Seite wechselnden Eva versammelte? Ja, hat es überhaupt seine Richtigkeit, dass der Mann zwar Wagner-Erbe ist, aber weder blutsverwandt noch adoptiert und also kein „Abkömmling“ im juristischen Sinn?

In jedem Fall ist das Wagner-Spiel offener als gedacht. Sollte sie die Familienmehrheit tatsächlich erringen, so Nike gegenüber dem Tagesspiegel, würde sie noch einmal in den Bayreuther Ring steigen. Das tut sie nun, mit wechselnder Verve, seit 1991. Ob das von ihr eingereichte Konzept weiterhin als Bewerbung gilt? „Gute Frage.“ Der im Bayerischen Kunstministerium an den Fäden ziehende Ministerialdirigent Toni Schmid habe Gelassenheit signalisiert (was immer das heißt): „Das Papier liegt hier gut.“ Im Falle des Falles würde sie es überarbeiten, „inhaltlich aber stehe ich dazu“.

Der 1. September ist ein Montag. Das Familienvotum muss also spätestens am 29. August beim Stiftungsrat eingehen. Fällt es für Nike aus, könnte die Zeit doch noch für sie arbeiten, die griechische Siegesgöttin, die Unermüdliche. Denn wie sollte der Stiftungsrat glaubhaft machen, dass man sich mal eben übers Wochenende gegen ihr neues Konzept entschieden habe? Viel wird davon abhängen, wen die Wieland-Tochter als Partner gewinnet. Es gäbe da eine Option, sagt sie. Intendanten jedenfalls, die andernorts ihren Geschäften nachgehen und im Sommer in Bayreuth wirken, hat der Hügel schon erlebt. Der Name wäre jetzt wichtig, psychologisch, politisch. Nie sollst du mich befragen: Nicht nur in Richard Wagners romantischer Oper ist Lohengrin der Retter der Unschuldigen und Hüter des Grals.

Countdown

Am 31. August läuft die viermonatige Bewerbungsfrist im Nachfolgeverfahren für Wolfgang Wagner ab. Am 28. August wird er offiziell verabschiedet. Er hat die Bayreuther Festspiele 57 Jahre lang geleitet, zunächst an der Seite seines Bruders Wieland, nach dessen Tod 1966 in alleiniger Verantwortung.

Am 1. September tritt der Stiftungsrat zusammen. Als Festspielchefinnen bewerben sich bislang: Die Wolfgang-Töchter Katharina (30, Bild oben) und Eva (63) einerseits sowie die Wieland-Tochter Nike (63) andererseits.

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