Bayreuth : Sturm zum Mitpfeifen

"Der fliegende Holländer" für Kinder. Christoph Ulrich Meiers musikalische Bearbeitung wie Alexander Busches Textfassung haben Pfiff, Witz und Tempo.

Christine Lemke-Matwey

Diese Senta sieht bestimmt nicht von ungefähr (fast) aus wie Katharina Wagner persönlich: blonder Pferdeschwanz, glitzernder Totenkopfgürtel, immer schnell ein Schießeisen zur Hand – man weiß ja nie, was einem in der düsteren Märchenwelt eines Richard Wagner so alles begegnet. Mit einem dicken Strick fesselt sie den Lieblingsteddy ihres Jugendfreundes Erik an den nächsten Bettpfosten (was die Kinder in dieser ersten Bayreuther Kinderoper nur bedingt lustig finden). Die Spinnereien der anderen Frauen interessieren sie nicht die Bohne, der gruselige Holländer (der leider ziemlich wenig gruselig ist) dafür umso mehr, und wenn sie mit nackten Füßen von ihrem Schiffsmast-Hochbett runter auf den Bühnenboden springt und es ordentlich scheppert und kracht, dann flüstert ein dünnes Stimmchen aus der ersten Reihe inbrünstig „Aua“. Mitleiden lässt sich lernen.

Diese Senta (sehr vital: Anna Gabler) will weg, von Anfang an – und damit ist das wenig kindgerechte Finale des „Fliegenden Holländers“, das von Liebestod und Selbstmord spricht und von der sehr Wagnerschen Erlösung des Mannes durchs weibliche Opfer, auch schon geritzt. Ein einsames Fenster knapp unter der Decke der Probebühne IV lässt trotz des trüben Wetters etwas Tageslicht in den Raum, und durch dieses Fenster werden Senta und der Holländer (Dmitri Orlov) am Ende gemeinsam fliehen. Hinaus ins Freie, möglichst weit weg von geldgeilen Vätern (Diógenes Randes als Daland) und Freunden wie Erik (Florian Hoffmann mit schönem Bariton-Trimbre), die sich doch nur als Weicheier entpuppen. Hinaus in eine andere Welt, in der die Gestalten des eigenen Begehrens und der Fantasie plötzlich aus Fleisch und Blut und echt zum Anfassen sind und viel wirklicher als jede einem als wirklich vorgehaltene, vorgelebte Realität. Eine starke Botschaft, die sich mit dem utopisch-anarchistischen Potenzial der Wagnerschen Musik ganz ausgezeichnet verträgt.

Wer also Angst hatte, die Bayreuther Festspiele würden sich zur Schonung zarter Kinderseelen an Wagners Partitur vergreifen und grob fälscherisch zu Werke gehen, der kann beruhigt sein. Christoph Ulrich Meiers musikalische Bearbeitung (er steht auch selbst am Pult der Kammerphilharmonie Leipzig) wie Alexander Busches Textfassung haben Pfiff, Witz und Tempo, überhaupt klittert und klappert es in diesen 60 Minuten erstaunlich wenig. Hier Sturm, Wind und Donner zum Mitpfeifen, -blasen und -stampfen, da ein paar kluge Material- und Lichteffekte, dort die von Kindern selbst entworfenen, teils sehr originellen Kostüme (eine Hirschgeweihmütze für Erik!): Der junge Schweizer Regisseur Alvaro Schoeck und seine Bühnenbildnerin Merle Vierck liefern bei dieser Premiere weit mehr ab als „bloß“ ein Kinderstück. Ob die Kinder hier jenseits der Story zu Wagners Musik erweckt werden? Reagiert wird vor allem auf das gesprochene Wort und auf Frank Engelhardt als „alter Steuermann“ und Erzähler (Christoph Schröter gibt das junge Pendant dazu). Aber auch der eine oder andere Ton dürfte sich wohl in das eine oder andere kleine Ohr und Herz gesenkt haben.Christine Lemke-Matwey

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