Bayreuth : Wolfgang Wagner: Ewig dein

Der Bayreuther Patriarch und sein Zauberberg: Zum 90. Geburtstag von Wolfgang Wagner.

Frederik Hanssen
Wagner
Auf dem Thron. Wolfgang Wagner. -Foto: dpa

Er ist zweifellos der preußischste aller Franken. Wolfgang Wagner hat sich den Ablauf seiner Bayreuther Festspiele exakt so eingerichtet, dass erst nach vollendeter Arbeit das Vergnügen folgt: Jeweils am 25. Juli starten die Aufführungen auf dem Grünen Hügel, damit die Serie von jährlich dreißig Aufführungen rechtzeitig vor seinem Geburtstag abgeschlossen sein kann. So konnte der seit 1951 amtierende Prinzipal sein Wiegenfest am 30. August dann guten Gewissens genießen, als heiteres Nachspiel der stets anstrengenden Festival-Wochen. 57 Jahre lang, von der Wiedereröffnung der Wagner-Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seiner offiziellen Abdankung im vergangenen Jahr, hat er es so gehalten – ein Weltrekordler auf dem Intendantensessel und ein wirtschaftswunderlich strahlendes Vorbild in Sachen Arbeitsethos.

In welchem Gesundheitszustand Wolfgang Wagner heute seinen 90. Geburtstag begeht, ist der Öffentlichkeit unbekannt. Denn seine Tochter Katharina, die nun zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Geschäfte führt, schirmt den Vater systematisch ab, hält die Türen der Familienvilla am Fuße des Grünen Hügels geschlossen. Allenfalls besonders getreue Vorsitzende ausgewählter Wagner-Vereine werden noch vorgelassen, zu einem letzten Gespräch mit dem greisen Komponisten-Enkel.

Seinen Lebensauftrag hat er erfüllt, den ererbten wie auch jenen, den er sich privat gesetzt hatte. Trotz aller Unkenrufe des Feuilletons, die die künstlerische Stagnation Bayreuths beklagen, gelten die Festspiele weiterhin als begehrtestes Sommer-Event weltweit. Auch hat Wolfgang Wagner allen Mitbestimmungsversuchen der Politik getrotzt und nach hartem, zähem Kampf seine „Wunsch-Maid“ als Nachfolgerin installiert. In direkter dynastischer Thronfolge steht nun die Komponisten-Urenkelin ganz vorne, die 31-jährige Katharina mit der großen Klappe und dem umwerfenden Selbstbewusstsein, neben der die 64-jährige Eva im ersten gemeinsam gemanagten Festspielsommer nur wie ein blasser Schatten wirkte.

Wie nachhaltig Wolfgang Wagners hundertprozentige Identifikation mit dem Familienbetrieb Festspiele auf die Mitarbeiter des musiktheatralischen Saisonbetriebs gewirkt hat, wurde deutlich, als die Gewerkschaften kurz vor dem diesjährigen Festival-Start plötzlich mit Streiks drohten. All jene Beleuchter, Bühnenarbeiter, Garderobieren, Orchestermusiker und Choristen, die ihre Theaterferien drangeben, um in Bayreuth dabei sein zu können, hatten jahrzehntelang still gehalten, hatten lachhafte Hungerlöhne akzeptiert, aus Zuneigung zum „Alten“. In Bayreuth arbeiten zu dürfen, so lautet sein Credo, sei eben kein normaler Job, sondern eine Ehre.

Nun, nach seinem Rückzug, pochten sie plötzlich darauf, dass sich der Neuanfang der Frauen-Doppelspitze nicht nur in einem Mentalitätswechsel niederschlägt, sondern eben auch in einer Gehaltserhöhung. Am 23. Juli einigte man sich nach einem Verhandlungsmarathon darauf, dass zunächst das nichtkünstlerische Personal finanziell besser gestellt werden soll – und erst mit diesem Datum ist die Ära Wolfgang Wagner wirklich zu Ende gegangen.

Hübsch wäre da zum heutigen Tage folgendes Gedankenspiel: Katharina und Eva haben ihren Vater gar nicht erst mit dieser Niederlage behelligt – damit er seinen runden Geburtstag in der Gewissheit feiern kann, dass der Grüne Hügel auch weiterhin ein Zauberberg ist, ein Ort, an dem ganz eigene Regeln für Raum und Zeit gelten, auf der Bühne wie hinter den Kulissen.

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