Bayreuther Festspiele : Der Nimbus schwindet

Streik oder Nicht-Streik: Für die Bayreuther Festspiele steht mehr auf dem Spiel.

Christine Lemke-Matwey

Verdi gegen Wagner in Bayreuth – ein echtes Dilemma? Entweder, so hat die Gewerkschaft in der vergangenen Woche gefordert, es wird noch vor der Eröffnung der Festspiele am 25. Juli ein Tarifvertrag für das nichtkünstlerische Personal ausgehandelt – oder man streike und lasse die „Tristan“-Premiere platzen. Nach ersten harschen Reaktionen werden in dem Streit nun offenbar gemäßigtere Töne angeschlagen. „Die Gewerkschaftler rennen offene Türen ein und ärgern sich darüber“, so Toni Schmid, der Stiftungsratsvorsitzende der Festspiele gegenüber dem Tagesspiegel. Es sei von Anfang an klar gewesen, „dass wir über Tarifverträge reden wollen“. Nur ließe sich ein derart kompliziertes Regelwerk nicht in drei Wochen unterschriftsreif aus dem Boden stampfen. Denn hier geht es von Sicherheitsschuhen bis zum Essensgeld bis in kleinste Details.

Am kommenden Montag, den 13. Juli werden sich die Konfliktparteien erneut zusammensetzen, um weiterzuberaten. Angenommen, man einigt sich darauf, was realistisch zu sein scheint, dass die Nicht-Künstler auf dem Grünen Hügel bereits in diesem Sommer mehr Geld erhalten und im Gegenzug dazu die Festspiele ungestört stattfinden können, sind spätestens 2010 – auch das ist Schmid klar – Chor und Orchester dran. Zehn Jahre lang sind die Ausgaben für die Bayreuther Festspiele gedeckelt gewesen, an Lohnerhöhungen war in keinem Bereich zu denken. Doch warum schlagen die Gewerkschaften erst jetzt so massiv Alarm und nicht schon vor 20, 30, 40 Jahren?

Fast ein halbes Jahrhundert lang, von 1966 bis 2008, war Wolfgang Wagner Alleinherrscher über die Bayreuther Festspiele, in jeder Beziehung. Für den festspieleigenen Betriebsrat hieß das – so formuliert es Peter Emmerich, neuerdings „Leiter der Abteilung Kommunikation“ –, dass dieser sich darauf beschränkte, „den alljährlichen Betriebsausflug und die Weihnachtsfeier zu organisieren“. Für die Gewerkschaften hieß es, dass sie pro Festspielsaison traditionell ihre zwei geschlossenen Vorstellungen bekamen und sich ansonsten ruhig verhielten. „Sie können alles von mir haben, bloß kein Geld“: Mit Sätzen wie diesen wird Wolfgang Wagner bis heute gerne zitiert. Und auch die Mitarbeiter fügten sich diesem ungeschriebenen Gesetz, sei es aus Respekt vor Wagners Persönlichkeit und Person, sei es aus Gründen der Ehre. Die Bayreuther Festspiele waren und sind etwas Besonderes in der (internationalen) Theaterlandschaft. Die Zeiten allerdings sind defintiv vorbei, das weiß Emmerich auch, „in denen uns die Leute hier zum Nulltarif die Türen eingerannt haben“. Die soziale Realität hält Einzug, der Mythos schwindet? Auch die Technik, so berichtet Emmerich, arbeite auf dem Grünen Hügel mit viel Herzblut. Insgesamt sei dieser Nimbus aber bereits „perforiert“.

Dass die Bayreuther Festspiele nach Wolfgang Wagners Rücktritt im vergangenen Sommer in jedem Fall einer kostspieligeren, komplizierteren Zukunft entgegengehen würden, war allen Beteiligten klar. Der alleinige Geschäftsführer als sein alleiniger Gesellschafter, alle Macht in einer starken Hand: Er habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, scherzt Schmid, dass er Monarchist sei und „dem Alten“ auch insofern nachtrauere. Die neuen Realitäten fühlen sich allerdings wenig spaßig an. Gab es bislang eine schlichte Betriebsvereinbarung, die die Pflichten, Rechte und zu erbringenden Leistungen der auf dem Grünen Hügel Beschäftigten auf Freiwilligenbasis regelte, so prangert Verdi diese nun als Ausbeutung an und spricht von „sittenwidrigen Löhnen“. Rolf Bolwin, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, der mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht das im Interview mit dem rbb- Kulturradio am Dienstagmorgen eher nüchtern: „Es wird im Moment viel Stimmung gemacht.“

60 Festangestellte arbeiten übers Jahr bei den Festspielen (rund 40 in den diversen Bühnengewerken, 20 in der Verwaltung), im Sommer kommen etwa 100 Zeitvertragskräfte hinzu. Wer ist hier Künstler, wer Nicht-Künstler – das wird eine der zu lösenden Kernfragen sein. Dass ein Schlosser kein originärer Künstler ist, dürfte allgemein einleuchten, aber was ist mit Maskenbildnern oder Bühnenmalern? In jedem Fall kosten Tarifverträge Geld. Geld, das sich die Festspiele einerseits bei ihren Geldgebern werden besorgen müssen (Bund, Freistaat Bayern, Gesellschaft der Freunde, Bezirk Oberfranken, Stadt Bayreuth), andererseits über zu erhöhende Eintrittspreise. Es gäbe Beispiele für ein gelungenes Verhältnis zwischen Eigeneinnahmen und Subventionen, tröstet Toni Schmid auf die Frage nach der üblichen Tarifschraube, die in Zukunft wohl auch den Grünen Hügel erfasst. Die Bayerische Staatsoper etwa sei ein solch „effektiver“ und vorbildlicher Betrieb.

Was Wolfgang Wagner einst im Handstreich verfügt hätte, das beschäftigt in Zukunft stets mehrere Gremien und Fachausschüsse gleichzeitig. Seit September gibt es in Bayreuth eine neue Festspielleitung in Gestalt der beiden Wolfgang- Töchter Katharina und Eva, erst im Mai haben diese ihre Verträge unterschrieben. Der bevorstehende Strukturwandel der Festspiele, so Toni Schmid, sei der „dramatischste seit 1945“. Noch, sagt Peter Emmerich, liefe der aktuelle Probenbetrieb normal. Den Künstlern fehle es an nichts, auch herrsche im Haus keine größere „Kampfesstimmung“ vor. Vielleicht wäre es ja ein kluger Schachzug, Barbara Schneider, die zuständige Verdi- Frau in Bayreuth, die nach eigenem Bekunden noch nie in einer Wagner-Oper war, rasch mit einer Festspielkarte zu beglücken. Dann wüsste sie etwas besser, worüber hier eigentlich gerichtet wird.

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