Bayreuther Festspiele : Gralsritter und Gralsretter

Die "Parsifal"-Premiere war nach der Absage von Andris Nelsons ernsthaft gefährdet. Jetzt springt Hartmut Haenchen ein und eröffnet die Bayreuther Festspiele.

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Hartmut Haenchen
Hartmut HaenchenFoto: dpa

Es musste jetzt ganz schnell gehen: Nachdem Andris Nelsons mitten in den Proben zum neuen „Parsifal“ um die Auflösung seines Vertrages gebeten hatte, war die Eröffnung der Bayreuther Festspiele am 25. Juli ernsthaft in Gefahr geraten. Dem Vernehmen nach hatte sich Christian Thielemann zu sehr in die Proben des Kollegen eingemischt. Eine um Fassung ringende Katharina Wagner telefonierte in den Tagen darauf viel. Am Dienstagvormittag erreichte die Festspielchefin dann Hartmut Haenchen, bereits für den nächsten Tag vereinbarten die beiden seine erste „Parsifal“-Probe auf dem Grünen Hügel. Da die Generalprobe in Bayreuth traditionell bereits eine Woche vor der Premiere stattfindet, bleiben Einspringer Haenchen nun noch 12 Tage vor Ort inklusive zweier Orchesterproben, um seine Sicht des Werkes zu vermitteln. Darauf ist der 73-Jährige gut vorbereitet: Er hat nicht nur 34 komplette Ring-Zyklen dirigiert, er kann auch auf eine beständige Auseinandersetzung mit dem „Parsifal“ zurückblicken.

Geboren in Dresden, erlebte Haenchen die politische Unterdrückung des „Parsifal“ in der DDR mit. Als Chefdirigent der Mecklenburgischen Staatskapelle wollte er eine szenische Aufführung durchsetzen. Sie wurde verboten, Wagners Bühnenweihfestspiel erklang nur konzertant. Später dirigierte Haenchen die GötzFriedrich-Inszenierung in Stuttgart, es folgten „Parsifal“-Produktionen in Amsterdam, wo er lange Musikchef der Oper war, in Paris, Kopenhagen und Brüssel. Überall hinterließ der Dirigent einen überzeugenden Eindruck. Sogar mit der speziellen Akustik des Bayreuther Festspielhauses hat er sich schon einmal auseinandergesetzt – als Assistent von Pierre Boulez. Berliner Klassikfreunde kennen Haenchen vor allem aus seiner Herzblutarbeit mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, das er von 1982 bis 2014 leitete: traditionsbewusst und zugleich hellwach für alles, was lebendiges Musizieren ausmacht.

Haenchens Berufung auf den heißesten Arbeitsplatz der anbrechenden Festspielsaison bringt vorerst Ruhe in das erschütterte Bayreuther Gefüge. Als ob sie den Ärger vorausgeahnt hätte, ließ Katharina Wagner ihre Programmkonferenz erstmals auf das Ende des diesjährigen Wagner-Marathons legen. Wenn dann Bilanz gezogen wird – das lässt sich heute schon sagen –, kann man Hartmut Haenchen nur danken.

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