Bayreuther Festspiele : Herbstoffensive

Christian Thielemann und Katharina Wagner wollen Bayreuth übernehmen. Der Maestro und die Regisseurin haben den Segen von Wolfgang Wagner.

Peter Siebenmorgen

Bayreuth und seine Richard Wagner-Festspiele, das ist noch immer der deutsche, zuweilen sogar sehr deutsche Stoff für eine farbenfrohe Soap-Opera. Deftigste Streitereien in der Familie um die Herrschaft auf dem grünen Hügel. Zumeist von hohem Unterhaltungswert, ganz selten nur mit Abstrahlungen auf Qualität und Substanz der Festspiele selbst.

Jetzt wird allerdings ein neues Kapitel in dieser Saga aufgeblättert, in dem es ums Ganze gehen könnte. Denn die Suche nach einer Nachfolge für den 88-jährigen Wolfgang Wagner tritt jetzt in die entscheidende Phase. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom Samstag haben seine jüngste Tochter Katharina und der im vergangenen Jahrzehnt zu einer Art Hausdirigent avancierte Christian Thielemann ihre gemeinsame Bewerbung um die Festspielleitung angemeldet und erste Blicke in ihr ausgefeiltes künstlerisches Konzept ermöglicht. Das Kennwort heißt Öffnung. Alte Hasen, um die Bayreuth bislang einen Bogen machte, sollen dirigieren (Rattle, Nagano, Mehta, Harnoncourt). In der Schublade liegt auch noch ein nicht minder interessanter Teil zur zukünftigen Wirtschaftlichkeit der Festspiele.

Pikant an der Herbstoffensive dieses Zweigespanns ist, dass das Nachfolgeverfahren eigentlich noch gar nicht eröffnet ist. Das geht erst, wenn Wolfgang Wagner, der einen Vertrag auf Lebenszeit besitzt, seinen Rückzug erklärt oder aber nicht mehr imstande sein sollte, die Geschäfte zu führen. Umso bemerkenswerter ist, dass das Wagner-Thielemann- Tandem mit der Nachricht aufwarten kann, der Amtsinhaber sei in ihrem Fall bereit, den Weg frei zu machen. Das Konzept habe ihn überzeugt – und an einer harmonischen, einvernehmlichen Lösung sei er ja auch höchst interessiert.

Auf eine solche kommt es den Hauptakteuren, die im entscheidenden Stiftungsgremium die Mehrheit besitzen – der Freistaat Bayern, der Bund und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. –, indes nicht gar so sehr an, wie ja auch Wolfgang Wagner kein Freund des Friedens um jeden Preis ist und sich daher bislang allen anderen Vorschlägen für seine Nachfolge effektiv widersetzt hat. Insbesondere dem 2001 gestarteten Versuch, seine Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, durchzudrücken.

Auf eben diesen Personalvorschlag haben sich in der vergangenen Woche der Freistaat und der Bund geeinigt, im Wissen darum, dass die „Freunde“ mitziehen; eine Lösung mit Katharina Wagner – ob allein oder mit starken Partnern – wollen sie partout nicht haben.

Da dummerweise ohne die Zustimmung Wolfgangs auch jetzt die Eva-Lösung nicht zum Zuge kommen kann, wird der Hebel nun an der Geschäftsfähigkeit des Festspielleiters angesetzt. Da deren Begutachtung, zum Bedauern des Freistaats, nicht amtsärztlich erzwungen werden kann, sollen Gerüchte das ihre Bewirken. So raunt es bereits seit Frühjahr aus dem bayerischen Kultusministerium, Wagner habe einen schweren Schlaganfall erlitten; und jetzt, bevor das Bayreuther Wirtschaftsjahr abgeschlossen ist und nachprüfbare Zahlen vorliegen, will man in München bereits wissen, dass die diesjährige „Meistersinger“-Premiere Unsummen verschlungen habe, in etwa soviel wie 2006 alle vier „Ring“-Teile zusammen. Dass die Festspiele so in eine finanzielle Schieflage geraten – mit diesem Gerücht lassen sich gleich zwei Wagners mit einer Klappe schlagen: Wolfgang, der Alte, hat die Dinge nicht mehr unter Kontrolle (Geschäftsfähigkeit dahin!) – Katharina, das Küken, hat dies mitzuverantworten, da sie die Regie führte und also das viele Geld verpulverte (merke: noch nicht geschäftsfähig!)

Auch zu einer tatsächlich sich jetzt auftuenden Deckungslücke der Festspiele, weil erstmals seit Ewigkeiten wieder die Mitarbeitergehälter, um vier Prozent, erhöht werden sollen, fällt dem Freistaat Schönes ein: Erhöhung der Zuschüsse nur dann, wenn Wolfgang endlich Platz macht. Erpressung? Aber nicht doch! Das sei doch eher das, was Wagner selber treibe. Bis 2015 habe der bereits Verträge abgeschlossen, die jeden Nachfolger binden. Selbst die Befürworter von Eva Wagner-Pasquier sehen sie jedoch nur als Interims-Lösung. Wie sollte es ihr da gelingen, ein eigenes Profil zu entwickeln? Dass die öffentlichen Zuschussgeber, die selbst seit längerem auf eine mittelfristige Planung drängen (2013 wird Richard Wagners 200. Geburtstag gefeiert), nicht dem Besetzungszufall überlassen bleiben dürfen, nun ja, solche Argumente zählen eben nicht mehr, wenn die Schlacht dann schmutzig werden soll.

Am 6. November tagt der Stiftungsrat. Die Nachfolgefrage steht dann nicht auf der Tagesordnung. Und doch wird es in Tat und Wahrheit um gar nichts anderes gehen. Die daily soap darf weitergehen.

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