Kultur : Bayreuther Festspiele: Inseln der Zärtlichkeit im Altfränkischen

Frederik Hanssen

Da ist er wieder, der alte Zauber: es wird stockfinster im Saal, so finster, dass das Meer der Köpfe mit dem weiten, steil aufsteigenden Amphitheater des Festspielhauses zu einem schwarzen Nichts verschmilzt. Langsam nur gewöhnen sich die Augen an diese Dunkelheit, wie man sie wegen des abgedeckten Orchestergrabens nur hier findet - doch noch ehe sich der Orientierungssinn wieder voll eingestellt hat, rauscht die Musik auf, von einem unsichtbar aufgetretenen Dirigenten ausgelöst. Es ist dieser Moment des Eintauchens in eine andere Dimension der Wahrnehmung, es ist dieser herrliche Mischklang, der das Urerlebnis Bayreuth ausmacht und die Wagnerianer dazu treibt, sich jedes Jahr wieder die Tortur der harten Holzsitze, der zum Schneiden dicken Saalluft anzutun.

Zum Thema Bayreuther Festspiele: Bilder vom Grünen Hügel Wer nach Bayreuth kommt, kommt allein für Richard Wagner, kommt, um sich ganz auf die Aufführungen zu konzentrieren, sich ganz dem Gesamtkunstwerk hinzugeben. Manchem erscheint das wie ein Gottesdienstersatz: vier "Ring"-Abende, eine Kreuzweg-Runde im Sitzen. Man kann es aber auch mit einem Meditationserlebnis vergleichen. Christian Thielemann wäre dann ein Meister. Kein Guru, der Gefolgschaft fordert, sondern einer, der sich am intensivsten mit dem Gegenstand auseinandergesetzt hat, im Studium am tiefsten vorgedrungen ist. Er entdeckt mit seinen Musikern die alte "Meistersinger"-Partitur ganz neu. Im vergangenen Jahr, bei seinem Debüt auf dem Grünen Hügel, als Nachfolger Daniel Barenboims in Wolfgang Wagners "Meistersinger"-Produktion, fand er die Traditionslinien der deutschen Spieloper in dem Stück, animierte das Orchester zu heiterem, leichtem, buffoneskem Spiel, wo es um die verzopften Regelwerke der Hobbykünstler geht oder um die zwittrige Gestalt Beckmessers. Diesmal interessieren ihn vor allem die Passagen unbeschwerter Feierfreude und die Inseln der Zärtlichkeit in dem altfränkischen Bühnentreiben der erschreckend naiven Inszenierung Wagners.

Welch ein Jubilieren in der Ouvertüre, welche Delikatesse in den Dialogen! Die Musiker, die hier in Bayreuth aus Begeisterung für Wagner ihren Urlaub drangeben (auch 16 Instrumentalisten von der Deutschen Oper Berlin sind darunter), geben alles für Thielemann, vor allem die hohen Streicher singen, funkeln, strahlen in selten gehörtem, honiggelbem Ton. Und der Werkstattcharakter Bayreuths, von Wieland Wagner vor 50 Jahren in Bezug auf die stete Weiterentwicklung der Inszenierungen gefordert, macht sich bei den Sängern bemerkbar, die seit der Premiere 1996 dabei sind: Andreas Schmidt, der grandiose Beckmesser, und Robert Holl als Hans Sachs kommunizieren in einem Tonfall der tausend Doppeldeutigkeiten, umtänzeln sich vokal. Emily Magees Eva hat deutlich an Charakter gewonnen, Robert Dean Smith umwirbt sie als Stolzing wieder mit Charme, wenn auch mit etwas weniger Tenorglanz als im letzten Sommer. Gut fügt sich Clemens Bieber von der Deutschen Oper als sensibler, zurückhaltender David ins Ensemble, während der Pogner mit dem jungen Bass Guido Jentjens zu leichtgewichtig besetzt ist.

Ein völlig anderes Klangbild tags darauf bei der "Lohengrin"-Wiederaufnahme: im Gegensatz zu dem detailversessenen Präzisionsarbeiter Thielemann malt Antonio Pappano, der künftige Chefdirigent der Londoner Oper, mit breiterem Pinsel. Das passt gut zu Keith Warners aufwendiger Bühnenshow, die mit ihren spektakulären Überraschungseffekten und der wuchtigen Symbolsprache einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch Pappano akzeptiert die Dominanz des Optischen, liefert den angemessenen Soundtrack dazu - wobei ihn die Nahaufnahmen mehr interessieren, die Aura gefährlicher Sinnlichkeit, die Linda Watsons markerschütternde Ortrud umgibt, wenn sie erst ihren schwächlichen Gatten (auch stimmlich zu vulgär: Oscar Hillebrandt) zum Werkzeug ihrer Intrige macht und dann Elsa (Melanie Diener, leider keineswegs in Bestform) das Gift des Zweifels ins Herz träufelt. Zoomt Wagner dagegen in die Totale, fühlt sich Pappano weniger wohl, wodurch die Massenszenen auch schon mal ins Wackeln geraten können.

Peter Seiffert freilich lässt sich von solchen Sekunden der Unsicherheit nicht erschüttern: ein Ritter von der traumhaften Gestalt, so ragt er aus den Ensembles hervor, überstrahlt mühelos Riesenchor und Orchester mit einem Heldenorgan, das jeden Konkurrenten die Waffen strecken lässt. Dabei ist Seiffert alles andere als ein vokaler Kraftprotz. So souverän, wie er gleißende Spitzentöne platziert, zaubert er auch im sanften Piano alle Farben der Liebe hervor - ein echter prince charmant, stark und zärtlich zugleich.

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