Bayreuther Festspiele : Triumph des Wollens

Dirigent Christoph Meier sprang nach der überraschenden Absage von Fabio Luisi in Bayreuth ein. Zu seinem Glück kennt er die Eigenheiten des Festspielhauses gut.

Claus Ambrosius

Die traditionstrunkensten Wagnerianer, so scheint es manchmal, sitzen bei den Bayreuther Festspielen durchaus nicht nur im Publikum – sondern auch 21 Stufen tiefer im „mystischen Abgrund“ des überdeckelten Orchestergrabens. Nirgends auf der Welt dürfen die Bläser so aus sich herausgehen, nirgends sind auch große Dirigenten schon so gründlich an der schwierigen Akustik gescheitert – und eben auch an einem alljährlich neu zusammengestellten Ensemble, das nicht immer so will wie der Mann am Pult. Unvoreingenommenheit neuen Dirigenten gegenüber gehört nicht zu den Tugenden der instrumentalen Truppe.

Beim Einspringer der diesjährigen Festspiele allerdings wollten die Musiker: Christoph Ulrich Meier, Jahrgang 1968, war nach der überraschenden Absage von Fabio Luisi Anfang Juli extrem kurzfristig für die „Tannhäuser“-Produktion verpflichtet worden. Eine hausinterne Lösung: Denn der Leiter der Detmolder Opernschule ist zumindest auf dem Grünen Hügel kein Unbekannter. Seit 1992 assistiert er hier immer wieder, bei Daniel Barenboim, vor allem aber bei Christian Thielemann.

Letzteres dürfte der Schlüssel für sein Engagement gewesen sein. Einerseits kennt Meier die Eigenheiten des Festspielhauses gut genug, um den „Tannhäuser“ weitgehend wackelfrei über die Bühne zu bringen, andererseits konnte man davon ausgehen, dass er dem (un)heimlichen Chefdirigenten nicht die Schau stehlen würde. Wo Thielemann, der hier vor seinem „Ring“ mehrfach den „Tannhäuser“ dirigiert hat, seine Detailausformung quasi in Fotorealismus betreibt, blieb Meier im flotten Aquarellieren, wo unter dem Berliner in den letzten Jahren Wellnessurlaub auf Fermaten gemacht wurde, gibt es bei Meier das auf Sicherheit bedachte Pauschalpaket. Die Zuschauer danken es dem Einspringer mit Stadionlautstärke. Viel Applaus gibt’s auch für Frank van Aken, der einen prallsinnlichen Tannhäuser gestaltet und in Philippe Arlauds gefälliger Dekobühne überzeugender agiert als seine Vorgänger in den vergangenen fünf Jahren.

Ricarda Merbeth hat für die Elisabeth mittlerweile große lyrische Fülle im Gepäck. Umgekehrt proportional muss sich Roman Trekel als Wolfram dagegen mittlerweile mehr auf Gestaltung denn auf befreit-üppiges Singen verlassen. Irgendwann stößt schließlich auch das Wollen an seine Grenzen.

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