Kultur : Bayreuther Festspiele: Wahn, kein Fried

Hand aufs Herz: Hat irgendjemand in den vergangenen zwei Jahren (ja, so lange währt das schon!) ernsthaft geglaubt, der "Alte" werde irgendwann altersweise und die Fliege machen und seinen Schwanz einklemmen und klein beigeben und die Flinte ins hohe fränkische Korn werfen und nuscheln, nix für ungut, nä, und seinen verbeulten Hut nehmen noch vor der Zeit? Etwa, um hinter den efeuumrankten Mauern seines Privatanwesens Am Festspielhügel mit verklärter Rentnermiene das bunte Treiben seiner verhassten Erben zu verfolgen und hie und da nach einer mildtätigen Bratwurst zu schnappen? Nein? Niemand?

Typisch. Jetzt, da die Verhandlungen seitens des Freistaates Bayern mit Wolfgang Wagner über dessen Nachfolge als "endgültig gescheitert" gelten, will es keiner so recht gewesen sein. Der 24-köpfige Stiftungsrat nicht, der die Vertreter des Bundes, des Landes, des Kreises, der Stadt und der Familie versammelt (und der die Katastrophe längstens, nämlich spätestens seit Mitte der neunziger Jahre, hätte kommen sehen müssen!); Hans Zehetmaier nicht, der in Sachen Kulturförderalismus so emsige bayerische Kunstminister, der kurz vor Weihnachten noch zu einem letzten, einem allerletzten "Goodwill-Versuch" ansetzte; und Julian Nida-Rümelin schon gar nicht, der neue Staatsminister für Kultur wollte sich erst in die Materie "einarbeiten" - und tat sich prompt nicht weiter hervor.

Alle, alle, alle wurden sie nun von der Halsstarrigkeit des Alten tief getroffen. Oder, gleichviel, vom eisernen Willen der eisernen Lady in seinem Rücken. Bis zum bitteren Schluss hatte Wolfgang Wagner darauf beharrt, dass Gattin Gudrun in seine Fußstapfen steige. Er sehe sich außerstande, so Wagner seufzend, "irgendeinem anderen Vorschlag" zuzustimmen. Weder seine Tochter aus erster Ehe, die Theaterpraktikerin Eva Wagner-Pasquier, noch seine Nichte Nike Wagner, die gewiefte Theoretikerin, noch sein Neffe Wieland Lafferentz, derzeit Geschäftsführer der Salzburger Stiftung Mozarteum, seien letztlich geeignet, ein Unternehmen wie die Bayreuther Festspiele, diese "Hochburg echter deutscher Kunst", wie es im Testament Siegfried und Winifred Wagners von 1929 heißt, erfolgreich und im Sinne der Satzung zu führen. Wundersam, aber wahr.

Warum eigentlich, so fragt man sich, klappte die Übergabe des Zepters - von Richard an Cosima, von Cosima an Siegfried, von Siegfried an Winifred, von Winifred an Wieland und Wolfgang - so reibungslos, und warum geht gegenwärtig so gar nichts mehr? Seit 51 Jahren leitet Wolfgang Wagner die Bayreuther Festspiele.

Der Fall ist klar und zeitigt weit reichende Konsequenzen. Wolfgang, der juristisch über einen Vertrag als Festspielchef auf Lebenszeit gebietet, will Gudrun auf dem Thron, muss Gudrun wollen - und kriegt sie nicht, da Gudrun es sich regional wie überregional verscherzt zu haben scheint; außerdem verkörpert sie nichts als den Status quo, mangelt es ihr an jedwedem künstlerischen Profil. Folge: Der Alte mault und mauert und steckt die Wagnernase in den Sand und klebt wie eine Klette an seinem Stuhl. Der Stiftungsrat wiederum, angeführt vom Bayerischen Kunstministerium, wollte "im Einvernehmen" mit Wolfgang Wagner und um diesem einen "würdigen Rückzug" zu bescheren, endlich einen Nachfolger für den 81-Jährigen küren - und schafft es nicht. Weil der Alte, der seine Belange im Stiftungsrat praktischerweise selber vertritt, mault und mauert und die Wagnernase in den Sand steckt und wie eine Klette an seinem Stuhl klebt. Stillstand. Patt. Remis?

Die "formalen und rechtlichen Möglichkeiten" jedenfalls, die Zehetmaier nun prüfen lassen will - man darf sie nicht zu hoch einschätzen. Dreht er Wagner den Geldhahn zu, so macht das wenig Sinn: Längst hat der alte Fuchs sich anderer, privater Quellen vergewissert. Und was wäre einem Alberto Vilar leichter zu vermitteln, als dass der böse deutsche Staat nun gar seine hellsten kulturellen "Leuchttürme" vernachlässige? Worst case also: Eines Tages in drei, vier, fünf Jahren, wird Wolfgang Wagner mit den Füßen voran aus dem Festspielhaus getragen; Eva Wagner-Pasquier, Zehetmairs tapfere Favoritin, tritt an - und hat zunächst einmal die von ihrem Vater rechtmäßig abgeschlossenen Verträge zu erfüllen. Haufenweise. Mal bis 2010, mal bis 2012. Mit Regisseuren, die ihr keineswegs behagen. Mit Dirigenten, die sie nicht mag. Mit Sängern, die sie seit jeher unmöglich fand. Schlechte Aussichten. Kaum Profilierungschancen. Schon einmal im Oktober vergangenen Jahres, zog Eva just aus diesen Gründen ihre Bewerbung zurück. Damit sich dieser Vorgang nicht wiederholt, muss Hans Zehetmair jetzt seine letzten kreativen Reserven mobilisieren. Zeit genug - siehe oben - hat er. Gelingt ihm dies allen Erwartungen zum Trotz nicht, bleiben vier Möglichkeiten des Trostes respektive der Verzweiflung. Erstens: Der Alte besinnt sich, jetzt, da er nicht einmal mehr seiner Gudrun ins Auge blicken kann (unwahrscheinlich, aber theoretisch denkbar). Zweitens: Der Alte besinnt sich nicht und der Stiftungsrat läutet eine neue Runde des Verfahrens ein, sprengt die Familienbande und setzt fortan auf außerfamiliäre Kandidaten (zweifellos ein herber Verlust an Identifikation). Drittens: Eva Wagner-Pasquier folgt Georg Quander in der Intendanz der Berliner Staatsoper nach und wäre mindestens so gut versorgt wie auf dem Grünen Hügel (allerdings braucht sie derzeit gar keinen neuen Job). Viertens: Noch jede Dynastie hat sich eigenhändig ausgerottet. Von den Atriden bis zum Denver-Clan. Hand aufs Herz.

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