Kultur : Bayreuther Festspiele: Wotans Weiche

Das wäre doch ein witziges Wortspiel gewesen, wenn Siegfried Wagner, des Meisters Sohn, seinen Spross Wotan genannt hätte und nicht Wolfgang - in augenzwinkernder Umkehr der Erbfolge, wie sie Urvater Richard im "Ring des Nibelungen" angelegt hat. Doch auch ohne den Namen des Großgotts fühlt sich Wolfgang Wagner als Herrscher auf dem Hügel, dem allein die Entscheidung darüber zukommt, wer ihm nachfolgen möge. Einen Feuerring hat er um das Bayreuther Festspielhaus gelegt, den weder seine Nichte Nike noch der Festspiel-Stiftungsrat zu durchschreiten vermögen. Im Inneren aber liegt kein hehres Weib im Dornröschenschlaf, keine Walküre. Stattdessen gebärden sich hier zwei Wunschmaiden von Wolfgang-Wotans Gnaden höchst aktiv: Gudrun, die zweite Gattin des Gralshüters und Katharina, seine Tochter aus dieser Ehe. Beide will der Festspielchef zu Lebzeiten so fest in das Sommer-Festival einbinden, dass sie sich nach seinem Ableben nicht rauswerfen lassen, ohne das Abschnurren des Uhrwerks Bayreuth zu gefährden.

Zum Thema Bayreuther Festspiele: Bilder vom Grünen Hügel Gudrun, vor nunmehr 25 Jahren aus dem Vorzimmer Wolfgang Wagners an seine grüne Seite aufgestiegen, ist als "persönliche Referentin der Festspielleitung" in diesem Jahr präsenter denn je. Überall zeige sie sich, berichten Sänger, um ihre Unverzichtbarkeit zu demonstrieren. Die überraschende Krankmeldung des Bayreuther Orchesterdirektors Burkmüller gab Wolfgang Wagner zudem Gelegenheit, sie 2001 zusätzlich als Ansprechpartnerin der Musiker-Vertreter mit Verantwortlichkeit zu betrauen.

Unter dem unverdächtigen Rubrum "Regieassistentin, Berlin" findet man im jährlichen Prunkbildband der Festspiele auf Seite 199 eine gewisse Katharina Wagner: die hübsche 23-jährige Kulturwissenschafts-Studentin an der hauptstädtischen Humboldt Uni ging in diesem Jahr dem Regisser der "Meistersinger von Nürnberg" bei den Wiederaufnahme-Proben zur Hand - keinem geringeren als Wolfgang Wagner. Und noch ein weiteres Mal taucht die junge Thron-Prätendentin im Bayreuth-Almanach auf: Im Kleingedruckten findet sich ihr Name beim Unterpunkt "Planung und Koordination" "Tannhäuser" (Neuinszenierung 2002) wieder: sie wird also die Fäden in der Hand halten, wenn im kommenden Sommer Christian Thielemann und Philippe Arlaud das Minnesänger-Drama vorbereiten, in einer Ausstattung übrigens, die komplett aus der Privatschatulle des Opernmäzens Alberto Vilar finanziert wird.

Der jüngste Spross des Wagner-Clans hat unübersehbar Musiktheater-Ambitionen - und durch die langjährige Liaison mit dem Tenor Endrik Wottrich (in Bayreuth als "Froh" und "Stolzing" präsent) bereits tiefe Einblicke ins Sängermilieu gewonnen. Kein Wunder also, dass die Gerüchteküche sofort zu brodeln begann, als Wolfgang Wagner für die "Parsifal"-Neuinszenierung 2004 eine "riesengroße Überraschung" ankündigte: sollte etwa das Regiedebüt seiner Tochter dahinterstecken, mit ihrem Liebsten in der Titelrolle? Tags darauf bekam die verwegene Vermutung allerdings schon Konkurrenz, als nämlich Christoph Schlingensief unter den schwitzenden "Rheingold"-Besuchern gesichtet wurde: Der Abonnentenschreck als "Parsifal"-Zertrümmerer? Doch der strubbelköpfige Regisseur weilt als Gast der Schallplattenfirma Universal auf dem Grünen Hügel, weil er in der Recycling-CD-Serie "Prominente treffen Komponisten" gerade mit Wagner zusammengekommen ist - mit Richard, nicht mit Wolfgang!

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