Kultur : Bayreuther Festspielhaus: Bitte liebt Wagner

Was wäre das Leben, wenn es in allen wichtigen Fragen nicht so hübsch verlässlich wäre? Ein rohes Bündel nackten Grauens. Stellen Sie sich nur einmal vor, Harald Schmidt, der Chef-Terrier der deutschen Medien, hätte ausgerechnet den Leipziger Thomanerchor noch nicht in seiner Show zu Gast gehabt. Oder Iris Berben - die deshalb so verkniffen dreinschaut, weil sie mindestens (!) drei Liter kohlensäureloses Mineralwasser täglich trinkt -, diese Iris Berben stünde nicht, wie die Deutsche Grammophon jetzt herausgefunden haben will ( www.trifft.de ), auf Arien von Giuseppe Verdi, ja träumte nicht davon, "als Note wiedergeboren zu werden"! Die Welt, sie wüsste uns wohl noch zu erschüttern. Tut sie aber nicht ... . und das ist gut so!

Indes, Sie merken schon, das brutalstmögliche Horrorszenario in Sachen Verlässlichkeit sparen wir uns bis zum Schluss auf. Stellen Sie sich vor: Wolfgang Wagner, der Enkel mit dem alterslosen Sitzfleisch, der Hügeldrache und Rabenvater, er ... . na? ... räumte sein Revier. Und zwar wunschgemäß, ganz so wie es der Bayreuther Stiftungsrat am 29. März beschlossen haben wissen wollte, nämlich zum Ende des Jahres 2002, auf dass seine Tochter aus erster Ehe und designierte Nachfolgerin, Eva Wagner-Pasquier, spätestens mit den Festspielen 2003 als neue Chefin inthronisiert werden würde. Unvorstellbar? Erschütternd? Sagt jedenfalls die Wagnerwelt, sagt auch Wolfgang, der Fuchs, und fügt füchsisch hinzu: ohne mich, nä. Womit alles wieder in schönster Ordnung wäre. Eva jedenfalls, die Erwählte, hat das Feld nun endgültig geräumt. Weil ihr Vater nicht aufhörte, sie öffentlich als "ungeeignet" zu beschimpfen. Und weil sie den "Ring" jetzt lieber selber macht, daheim, im sonnigen Aix-en-Provence.

Aber haben wir es nicht schon immer gewusst (vgl. Tagesspiegel vom 25. .2., 5. 6., 1. 8., 28. 8., 25. 10., 14. 12. 2000 sowie vom 26. 1., 8. 2., 29. und 30. 3. 2001)? Mit Druck ist dem Alten nicht beizukommen. Wo selbst altgediente Hügel-Veteranen wie der Bayreuther Bürgermeister Mronz am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen, da schert sich W. W. einen fränkischen Kehricht; wo die längst blamierte Bayerische Staatsregierung mal mit ominösen juristischen Konsequenzen droht, mal mit zu kündigenden Mietverträgen wedelt, da kann W. W. nur höhnisch frohlocken. Seine Stellung auf Lebenszeit gibt ihm jedes Recht. Und mögen Zehetmair, Nida-Rümelin & Co. ihre Stirnen nun auch in Sorgenfalten legen: Diesen Herrn trägt man nur mit den Füßen voran aus dem Bayreuther Festspielhaus. Wetten dass. Ansonsten halten wir es fortan mit Christoph Schlingensief, der bei der Deutschen Grammophon naturgemäß nicht fehlen darf. Sein Bekennntnis: "Bitte liebt Wagner". Jetzt erst recht.

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