Kultur : "Beauty now" zeigt die vielfältige Beziehung zwischen Kunst und Schönheit

Eva Karcher

36 Künstler drängen mit Gemälden, Fotografien, Skulpturen und Filmen auf den Markt des SchönenEva Karcher

Die Kunst ist bunt. Und rund. Auf der just zu Ende gegangenen "Armory Show 2000", der New Yorker Messe für junge Kunst, barst sie geradezu vor Neonfarben, blumigen Motiven und dekorativem Übermut. Purismus jedenfalls scheint aus der neuen Kunst weitgehend verschwunden, formale Exzentrik jedoch gedeiht prächtig.

Wie 1908 könnte sich der Wiener Architekt Adolf Loos erneut bemüßigt fühlen, seinen folgenschweren Aufsatz "Ornament und Verbrechen" zu verfassen. Vor rund 100 Jahren wurde der Text zu einer Art Schlüsselschrift des Funktionalismus der Moderne, die das Ornament auslöschte. Dass es nun mit so großer Pracht und Wucht zurückgekehrt ist, hängt zusammen mit der Auflösung der Ideologien.

Auch die Kunst der Moderne mit ihrer Kreativität in der Destruktion bewegte sich ja in Feindbildern. Sie verabsolutierte die reine Form und verabscheute jede Art von Folklore. Schönheit ließ sie in ihrer Negation zu, als matten Abglanz eines vergangenen Ideals oder als Karikatur. Sie unterschlug dabei, dass jede ästhetische Entscheidung auch eine ethische ist. Erst die Künstler der neunziger Jahre, die nicht mehr in polaren Strukturen des Entweder-Oder denken, sondern in Crossover-Verknüpfungen, thematisieren diese politische Dimension der Schönheit. Wie die Entwicklung der letzten vierzig Jahre von der zensierten Schönheit in der Kunst der Moderne hin zur Schönheit als neuem Schlüsselthema der aktuellen Kunst verlief, zeigt derzeit die faszinierende Ausstellung "Beauty now - Die Schönheit in der Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts" im Münchner Haus der Kunst.

1967 rückte Michelangelo Pistoletto in seiner Arbeit "Venere degli stracci" eine weiße Gipsfigur mit dem Rücken zum Publikum hautnah an einen Berg von bunten Lumpen. Schönheit war aufs Abstellgleis der einstmals verbindlichen Normen geraten. Von nun an wurde sie in der Kunst mit einem Körper dargestellt, der seine Konturen verloren hatte wie auf den Gemälden von Willem de Kooning und Lucian Freud oder dessen Identität radikal zur Diskussion stand wie bei den Torsi von Louise Bourgeois und den Skulpturen von Kiki Smith, die das Innere nach außen stülpen.

Nur jenseits des Körpers und seines ihm eingeschriebenen Verfallsdatums konnte sich Schönheit weiterhin in ihrer Erhabenheit entfalten, so auf den minimalistischen Bildern von Agnes Martin, den Landschaften von Gerhard Richter, den Lichtprojektionen von James Turrell, den Öl- und Graphitarbeiten von Vija Celmins und den Fotografien von Hiroshi Sugimoto, die beide mit unübertrefflicher Präzision die Unendlichkeit von Himmel und Meer bannen.

Die Ausstellung, die insgesamt 86 Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Installationen von 36 Künstlern versammelt, dazu 30 Videos und Filme, folgt inhaltlich dieser Zweiteilung. Während Abstraktion und Natur in der Kunst weiterhin unangetastetes Terrain der Schönheit blieben, wurde der Körper stigmatisiert, die Huldigung beziehungsweise Produktion seiner Schönheit der Werbung überlassen. Bis mit Pipilotti Rist, Mariko Mori, Janine Antoni, Felix Gonzalez-Torres und Matthew Barney eine Generation von Künstlern auftauchte, die sich mit dem omnipräsenten Körperkult der Popindustrie nicht mehr nur moralisch ironisch oder in defensiver Antihaltung auseinandersetzte. Statt dessen nutzte sie jene Sprengkraft, die Schönheit unabhängig von den periodisch gültigen Beauty-Codes einer Gesellschaft besitzt: Sie verführt, das ist ihre Art der Kommunikation.

Hatte John Baldessari 1967/68 sozusagen den Nullpunkt der Schönheit markiert, als er in schwarzen Lettern "Pure Beauty" auf cremefarbenen Grund pinselte und so den Sieg des Verstandes über die Sinne zementierte, so holt Janine Antoni mit ihrer Installation "Lick and Lather" 1993/94 die Sinnlichkeit wieder in die Kunst zurück. Denn die Büsten, die sie von sich jeweils siebenfach in Schokolade und Seife gießen ließ, "leckte" beziehungsweiß "wusch" sie in Form. Die mehr oder weniger nivellierten Gesichtszüge der Porträts tragen die Spuren dieses ungewöhnlichen Arbeitsprozesses.

Auch Felix Gonzalez-Torres fordert mit Bonbonhaufen und Plakatstapeln das Publikum auf, sich zu bedienen. Es soll die Drops und Drucke mitnehmen, die Schönheit genießen und konsumieren, vielleicht im Bewußtsein ihrer Vergänglichkeit. Pipilotti Rist verbindet auf ihren Videoinstallationen unangestrengt Emanzipation und Erotik, und in den "Cremaster"-Filmen von Matthew Barney scheint die Schönheit in dekorativen Ornamenten geradezu zu explodieren. Statt Reduktion herrscht Überfülle ohne jede Berührungsangst. Nicht Sex, so scheint es, sondern Schönheit ist die Botschaft des neuen Jahrtausends.München, Haus der Kunst, bis 1. Mai; Katalog 49 Mark.

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