Kultur : Bebel Gilberto

Diese Woche auf Platz 91 mit: „Bebel Gilberto“

Ralph Geisenhanslüke

„Die perfekte Musik für alle Bars zwischen Rio und Rostock“ – so hat der britische „Observer“ das zweite Album von Bebel Gilberto genannt. Ein zweischneidiges Kompliment. Es bescheinigt der Sängerin und Komponistin, dass ihre Songs weltweit verständlich sind. Andererseits klebt es ihr ein Etikett an, das bei brasilianischer Musik immer griffbereit liegt: Bar-Gedudel. Akustisches Raumspray.

Kritiker waren es auch, die Ende der Fünfziger den Bossa Nova als „Musik für verstimmte Sänger“ verhöhnten. Antonio Carlos Jobim schrieb darauf den Song „Desafinado“, was so viel bedeutet wie „verstimmt“. „Nur die Privilegierten haben Ohren, so gut wie deine“, heißt es darin, „ich habe nur, was Gott mir gab.“ Gesungen wurde dieses Lied von João Gilberto. Kurz darauf sang Joãos Frau Astrud das „Girl from Ipanema“. Der Beginn einer weltweiten Bossa-Nova-Welle, die bis heute schwappt. Bossa Nova wurde zum zeitlosen Genre.

Bebel Gilberto ist Joãos Tochter aus zweiter Ehe. Sie ähnelt stärker ihrer Mutter, der Sängerin Miúcha, als ihrem Vater. In Brasilien sind diese Tatsachen so bekannt wie bei uns Fußballpersonalien. Dort müsste man wohl auch niemandem erklären, dass die Tochter ihren eigenen Weg gegangen ist, als sie vor vier Jahren „Tanto Tempo“ veröffentlichte: eine Gratwanderung zwischen Lyrik und Dancefloor. Bebel ging dabei mit elektronischen Effekten so behutsam um, wie früher ihres Vater Finger über die Nylonsaiten der Gitarre glitten. Aber wer sagt, dass man zu Bossa Nova nicht scratchen kann? Auf ihrem neuen Album singt Bebel Gilberto sogar eine Anrufung der traditionellen Candomblé-Gottheit „Aganjú“, und durch den Song näselt dezent ein Acid-Synthie. Gegensätze, die mancher Kritiker auch heute nicht auf Anhieb versteht.

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