Kultur : Beckett und das Banjo

Vierzig Jahre und vier Tage: Das JazzFest Berlin erweist sich als erstaunlich wertkonservativ

Maxi Sickert

Der australische Saxofonist Andrew Robson ist müde. Elf Stunden Zeitverschiebung machen sich bei ihm bemerkbar, als er darauf wartet beim 40. Berliner Jazzfest in der Universität der Künste aufzutreten. Robson war bereits vor zwei Jahren hier zu hören, während der „australischen Nacht“. Eine Idee Peter Schulzes, der im Jahr darauf künstlerischer Leiter wurde. Die Imitation amerikanischer Vorbilder blieb damals enttäuschend lahm; man spielte nur nach, was in den USA eben gängig ist.

Und auch diesmal verfingen sich die Musiker in gefälligen Interpretationsmustern. Dabei war Robson der Auftritt in Berlin so wichtig gewesen, dass er Flüge und Hotelzimmer für sein Trio von den 10000 australischen Dollar Preisgeld seines „Jazz Fellowship Awards“ bezahlte und auf Gage verzichtete. Dazu passt, dass im Vorfeld des festlichen Eröffnungsabends in der Philharmonie Festspielintendant Sartorius, Justizministerin Zypries und RBB-Intendantin Reim auf die Bedeutung des Jazz und des Festivals hinwiesen. Alle drei hatten sich für ihre Lobreden die gleiche Textstelle von Jean Cocteau ausgesucht: „Nichts ist intensiv genug – es sei denn vielleicht, es ist Jazz.“ Dass ausgerechnet die Bundesjustizministerin Zypries die Finanzierung des Jazzfests aus Bundesmitteln rechtfertigte, um das Festival von kommerziellen Zwängen zu befreien, war kurios genug. Schon zwei Tage vorher hatte Kulturstaatsministerin Christina Weiss die Bedeutung des Jazzfests hervorgehoben, die sie gerade in der zum Teil wütenden Kritik der letzten Jahre bestätigt sah. Seltsam nur, dass die Finanzierung des Jazz durch den Bund - im Vergleich mit der so genannten „Hochkultur“ Klassik, Literatur und Kunst - beschämend niedrig ist. Eine Tatsache, die mehr sagt, als tausend goldene Jubiläumsworte.

Dennoch, im vierten Jahrzehnt seines Bestehens gab man sich der Feierstimmung hin. Die Philharmonie, die für die Jazz-Macher längst zu teuer geworden ist und nur ausnahmsweise als Spielort diente, war fast ausverkauft. Der Abend wurde eingeleitet von dem französischen Duo des Akkordeonisten Richard Galliano mit dem Saxofonisten, Klarinettisten und Bandoneon-Spieler Michel Portal. Die beiden virtuosen Musiker zeigten an diesem Abend eine uninspirierte Fließbandinterpretation französischer Folklore inklusive populistischer Effekthascherei durch kleine Ausflüge in freies Spielen, die aber nur lustig sein sollten.

Eine schöne Idee war es, die ehemaligen JazzFest-Leiter George Gruntz und Albert Mangelsdorff auf die Bühne zu holen. Die emotionale Bedeutung dieses Auftritts zeigte sich in einer Rose für Gruntz und lang anhaltendem Begrüßungsapplaus für den Ausnahmeposaunisten Mangelsdorff, der nach langer Krankheit und zusätzlichem Armbruch sichtlich angeschlagen auf der Bühne saß und selbst kaum spielte.

Die Begegnung des 82-jährigen belgischen Mundharmonikakünstlers Toots Thielemans mit wiederum Richard Galliano hätte sicherlich mitreißender sein können, wäre das Trio von Galliano nicht aus lauter Altersehrfurcht vor Thielemans erstarrt. Und auch die den Abend abschließende Version von Gershwins „Rhapsody in Blue“ durch den holländischen Saxofonisten Willem Breuker und sein „Kollektief“ erwies sich als seltsam werkgetreue Nachbildung einer Komposition, die eigentlich mittlerweileals Karikatur einer Jazzdefinition gelten müsste. Die Zuschauerreihen lichteten sich zusehends.

Die Höhepunkte in dem sich erstaunlich wertkonservativ erweisenden JazzFest-Programm kamen schließlich aus Holland und Berlin: Das ICP Orchestra um den Pianisten Misha Mengelberg, der in schlabberiger Strickjacke und mitgebrachter Lidl-Tüte die Bühne des Festspielhauses zum Beckettschen Musiktheater erklärte. Und das „Fats Waller Projekt“ der japanischen Pianistin Aki Takase, das sie gemeinsam mit dem anarchischen Banjo-Spieler Eugene Chadbourne, dem – trotz Fieber – genialen Bassklarinettisten Rudi Mahall, dem Trompeter des ICP-Orchestras Thomas Heberer und dem Schlippenbach-Schlagzeuger Paul Lovens initiierte. Aki Takase hätte nicht mal ihre acht weißen Imbiss-Plastiklöffel gebraucht, die sie für ihre Komposition „Tintenfisch in Wien“ zwischen die Saiten des Flügels klemmte, um ihre Virtuosität und ihren respektvollen, aber auch Schneisen schlagenden Umgang mit dem musikalischen Material von Fats Waller zu untermauern.

So scheint sich die These Peter Schulzes dann doch zu bestätigen, dass interessante Musik derzeit nur in Europa zu finden sei. Zumindest für Europäer, die wenig Geld haben.

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