Kultur : Bedauernsbekundungen: Die Ära der ethischen Säuberung

Jona Oberski

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass wir über Nacht in eine Periode der ethischen Säuberung - und ich meine nicht ethnische, sondern wirklich: ethische - geraten zu sein scheinen.

So hat der Papst bereits am 12. März sein Bedauern ausgesprochen über manches, was die Kirche in der Vergangenheit angerichtet hat. Er hat viel mehr gesagt, als seine Vorgänger sich hätten träumen lassen, aber dennoch viel weniger, als manche von uns sich seit langem gewünscht hatten. Sollen wir dieses Ereignis begreifen als Glied in einer Kette von mehr oder weniger herzlichen

und mehr oder weniger erwünschten Bedauernsbekundungen? Der Papst war ja gar nicht der erste. Deutschland hat sich schon früher ähnlich eingelassen gegenüber den holländischen Opfern des Zweiten Weltkriegs. Und Japan spricht sein Bedauern aus gegenüber China und kürzlich, auf Drängen unseres Premiers Kok, auch gegenüber den Holländern aus der vormaligen indischen Kolonie. Und unser Premier bekundet gegenüber den Indonesiern sein Bedauern für die damals in Holland so genannte "Polizeiliche Aktion" während des Indonesischen Befreiungskampfes - obwohl der heutige indonesische Präsident Wahid ihm geantwortet hat, dass er eine solche Entschuldigung nicht wünsche.

Das Bedauern der Menschheit

Dieser Vorgang nun könnte sich bald derart beschleunigen, dass zum Beispiel auch die chinesischen Behörden ihr Bedauern bekunden für das, was sie dem chinesischen Volk im letzten Jahrhundert angetan haben. Und bald auch Frankreich für Napoleons Untaten allen Europäern und Russen gegenüber. Und Europa den Afrikanern für den Sklavenhandel. Und Spanien den Indianern. Und Italien für die römischen Schlächtereien der Antike, die Plünderungen und Vergewaltigungen in Europa, Asien und Afrika. Und die Griechen den Trojanern. Und vielleicht auch noch die Afrikaner ihr Urbedauern für die Verbreitung der Menschheit aus ihrem Schoß über die ganze Welt. Und schließlich das Bedauern der Vereinten Nationen im Namen dieser Menschheit - gegenüber den Hinterbliebenen der anderen Tierarten.

Der Kern liegt in der folgenden Frage: Funktioniert das Bedauern als ein Zeugnis neu errungener Erkenntnis, möchten die Bedauernsbekundiger wirklich einer Wiederholung, koste es was es wolle, zuvorkommen, meinen sie wirklich, dass so etwas nie wieder geschehen darf und, alles, was sie unternehmen, sei gegen eine Wiederholung gerichtet? Oder bleibt die ganze Bedauernsbekundung doch hauptsächlich ein politischer Trick?

Denn eines ist immerhin klar: Hinter mancher Bedauernsbekundung steckt der Wunsch, bald bessere Handelsbeziehungen zu erreichen, was auf eine Kommerzialisierung der Ethik hinausläuft. Es wäre schon möglich, dass die kommerzialisierte Ethik sich als die einzige Ethik erweisen wird, die uns Menschen praktisch miteinander zusammen leben lässt, ohne physische Gewalt. Ein verlockendes Menschenbild aber scheint mir das nun auch wieder nicht zu sein. Denn damit würden wir die Lebensumstände von Milliarden Menschen dem Geschäftstrieb einiger reicher Nationen ausliefern. Die so genannte freie globalisierte Marktwirkung als Gipfel der kommerzialisierten Ethik ist mir zuwider, obwohl ich, fast selbstverständlich, auch nicht weiß, wie es sonst gehen sollte. (Bestimmt aber auch nicht mithilfe eines zentralen Plansystems voller Unterdrückung, Mord und Machtwollust, welches es im früheren sowjetischen Reich gegeben hat.)

Dem Mörderenkel vis-à-vis

Was hat man noch vom Bedauern, außer Kommerz? Eine Bedauernsbekundung zwischen Staaten ist freilich nicht dasselbe wie eine Bedauernsbekundung zwischen Menschen - und doch habe ich mich bei dieser Kette von ethischen Säuberungen gefragt, was es mir bedeuten würde, wenn ein Mörder meiner Eltern vor der Tür stände und sagte: "Bedaure". Nein, nicht er selbst, denn so geht es in der Politik ja auch nicht, es ist schon sein Enkelkind, das vor meiner Tür steht und sagt: "Ich bedaure, was mein Opa euch damals, als du noch ein Kind warst, angetan hat." Was bedeutet mir solch eine Bedauernsbekundung?

Es ist sonderbar, dass ich mich nicht entsinnen kann, in meiner Kindheit einen Schuldigen gesucht zu haben, für was auch immer. Wenn es für mich als Kind schon eine Schuld, also einen Grund für den Tod meiner Eltern gegeben haben sollte, dann denke ich jetzt, dass ich vor allem das Gefühl erfahren habe, es war meine Schuld. Ich habe etwas nicht richtig gemacht; und ich habe schließlich nicht fleißig nach ihnen gesucht, um sie finden zu können. Je älter ich dann wurde, desto besser konnte ich begreifen, dass es tatsächlich die Mörder meiner Eltern gegeben hat - und nicht nur meiner Eltern -, dass also der Grund ihres Todes außerhalb von mir lag. Aber als Kind war, glaube ich, die Erfahrung an sich schon vollständig: Etwas passiert, oder du tust etwas und du weißt nicht, warum. Du fragst dich auch gar nicht, warum, du weißt nicht einmal, dass es einen Grund geben könnte für ein Ereignis.

Als Erwachsener weiß man das oft auch nicht, aber man hat doch schon gelernt, ein "Warum" zu finden, wahr oder nicht wahr, wenn es sich nur plausibel anhört. Womit ich nicht sagen will, man sei als Erwachsener nicht verantwortlich für das, was was man tut und was man lässt, ganz im Gegenteil.

Wie ich wieder schuldig werde

Als Kind suchte ich noch nicht nach Schuldigen. Doch dabei sehe ich schon eine Ausnahme, nämlich gerade dann, wenn mir vorgeworfen wurde, ich habe Schuld an etwas, während ich von der Idee durchdrungen war, es sei bestimmt nicht meine Schuld. Gegen so eine von ihm als falsch erfahrene Beschuldigung hat ein Kind keine Verteidigung, es steht wehrlos da, und es macht es wütend, dass jemand ihm so etwas antut. Damit aber verstärkt das Kind auch sein Gefühl, dass es einen Verursacher gibt für die erfahrene Machtlosigkeit, für seine Wut, nämlich den falschen Beschuldiger. In dieser Hinsicht machen falsche Beschuldigungen einen auch erwachsener: dadurch, dass der betreffende Täter so direkt und leiblich bei dem Gefühl anwesend ist. Und auch diese Form, für Dinge, die einem angetan wurden, einen Grund außerhalb von mir zu sehen, hat mir geholfen, meine Grunderfahrung von der Ursache des Todes meiner Eltern zu beeinflussen: Natürlich war es nicht meine Schuld, aber die der Mörder. (Das Wort "Mörder" mag sich hart anhören, denn nicht jeder war gleichsam aktiv beim Morden beteiligt, manche trugen nur "passiv" dazu bei. Für einen Betroffenen gibt es da jedoch kaum einen Unterschied.) Es hat sich gezeigt, dass die Machtlosigkeit und die Wut über den Tod meines Vaters und meiner Mutter, als ich noch ein Kind war, sehr lange präsent geblieben sind. Zunächst ist es etwas anderes als wenn ein Kind seine Eltern durch eine Krankheit verliert. Nur dass es für die Verluste im Zweiten Weltkrieg ganz bestimmt Schuldige gab.

Nun steht hier der Mann vor meiner Tür und bittet mich explizit - oder implizit durch seine Bedauernsbekundung -, ihm zu vergeben für die Taten seines Opas: geradeheraus eine Brutalität. Er bringt mich ja durchaus in eine Zwangslage, denn wie ich auch reagiere, mit seiner Herausforderung gibt er von jetzt an die Schuld wieder mir. Er gibt mir nur scheinbar eine Wahl. Würde ich ihm die Vergebung gewähren, dann täte ich etwas Unmögliches. Wie, um Himmelswillen, sollte ich ihm etwas vergeben, das sein Opa getan hat? Ich bin nämlich der Meinung, dieser Mann hätte auch kein Recht darauf, sich etwas einzubilden, wenn sein Großvater etwas Gutes getan hätte, obwohl er dann schon das Recht hätte, den Opa zu bewundern. Welche Art von Achtung sollte ich denn überhaupt Schindlers Enkelkindern entgegenbringen?

Dieser Mann hat einfach keine Stimme, positiv oder negativ, in dem Verhältnis zwischen mir und seinem Großvater. Also kann ich ihm nur die von ihm erwünschte Verzeihung verweigern - und damit bin ich in seinen und anderer Augen der Böse, der Kerl, der nicht vergeben kann oder will, und so kann er sagen: Siehst du, der Kerl ist es tatsächlich nicht wert, unter uns zu sein, mein Opa hatte schon recht, ihn loswerden zu wollen. Wenn die Taten seines Großvaters ihm schwer im Magen liegen, ausgezeichnet, aber er soll mich da nicht mit hineinziehen, denn sonst geht er denselben Weg wie sein Opa: Er versucht wieder mal mich, oder uns, für die Empfindung seines Unbehagens verantwortlich zu machen.

Und hier gilt genau das Umgekehrte von dem, was ich über das erwachsene Kind sagte: Als Erwachsener sollte dieser Mann schon gelernt haben, dass seine Empfindung zu ihm selbst gehört und vielleicht auch zu den Taten seines Opas, in keinem Fall aber zu mir oder zu uns. Wie Saul Bellow vor Jahren schrieb: Möge es ihm gegeben sein, zu unterscheiden.

Hoffnung auf den großen Sprung

Sicherlich bin ich bereit, das Bedauern des Mannes vor meiner Tür auch als den Ausdruck seines Vorsatzes, die Verbrechen seines Großvaters nicht zu wiederholen, aufzufassen. Eine schöne Bemühung, aber ehrlich gesagt: Ich muss das Resultat sehen. Ich habe gar kein Bedürfnis nach leeren Versprechen, zumal in dieser indirekten Form des Bedauerns, und dann auch nicht ein Bedauern für die eigenen Taten - hoffentlich wäre das überflüssig -, sondern für die der Vorväter. Also, mir scheint, sein Besuch ist nicht wirklich gut gemeint. Ich hoffe aber, wir alle finden bald unsere eigene Weise, um die Menschheit im ersten Dezennium dieses Millenniums (obwohl es in der jüdische, chinesischen oder islamischen Zeitrechnung an sich keine besondere Bedeutung hat) einen riesigen Sprung nach vorne im Zusammenleben machen zu lassen.

Aber wie? Wenn ethische Säuberungen das mit hervorbringen, dann wünsche ich mir eine recht schön lange Serie davon.

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