Bedenkträgerin : Thatchers Haltung zur Deutschen Einheit

Von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs machte Großbritannien vom Herbst 1989 bis zum 3. Oktober 1990 die schlechteste Figur. Nun veröffentlicht das britische Außenministerium seine Unterlagen zu den Jahren 1989/90.

Dominik Geppert

Der amerikanische Präsident George Bush gilt zu Recht als unverzichtbarer Geburtshelfer der deutschen Einheit. Vom sowjetischen Staats- und Parteichef blieben die „Gorbi, Gorbi“-Rufe der ostdeutschen Demonstranten in Erinnerung und der öffentlichkeitswirksam inszenierte „Durchbruch im Kaukasus“ Mitte Juli 1990, als Michail Gorbatschow seine Zustimmung zur vollen Souveränität eines vereinigten Deutschlands innerhalb der Nato gab. Selbst dem französischen Präsidenten François Mitterrand wurden seine Reisen nach Kiew und Ost-Berlin vom Dezember 1989 verziehen, mit denen er das abgewirtschaftete SED-Regime zu später Stunde aufwertete. Schließlich hatte er sich doch noch mit der Idee eines fest in die Europäische Gemeinschaft eingebundenen Gesamtdeutschlands angefreundet. Nur die britische Premierministerin Margaret Thatcher spielte bis weit ins Jahr 1990 hinein den Part der bissigen Bedenkenträgerin.

Zur 20-Jahr-Feier der turbulenten Ereignisse hat das britische Außenministerium ein Jahrzehnt früher als üblich sein Archiv geöffnet und eine Sammlung von insgesamt 244 bisher unbekannten Dokumenten publiziert. Die mustergültig edierten Botschafterberichte, Strategiepapiere und Situationsanalysen dienen unverkennbar dem Nachweis, dass nicht die gesamte außenpolitische Elite Großbritanniens dachte wie die Regierungschefin. Tatsächlich verdeutlicht der Band, wie sehr Thatcher in ihrer eigenen Regierung isoliert war. Die Berufsdiplomaten rieten dazu, in engem Einvernehmen mit der Bundesregierung nach konstruktiven Lösungen zu suchen und auf die Verlässlichkeit des demokratischen Wandels der Nachkriegsdeutschen zu vertrauen – schon deshalb, weil Großbritannien andernfalls nicht nur in Europa, sondern auch gegenüber den USA dramatisch an Einfluss verlieren werde.

Die Premierministerin hingegen begrüßte zwar die Auflösung des SED-Regimes. Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten wollte sie aber nach Möglichkeit bremsen, wenn nicht ganz verhindern. Offiziellen Nato-Verlautbarungen zum Trotz seien Großbritannien und Westeuropa an einer Vereinigung Deutschlands nicht interessiert, hatte sie in Moskau am 23. September 1989 zu verstehen gegeben. Daran hielt sie fest, weil sie befürchtete, ein beschleunigter Vereinigungsprozess gefährde die Position Gorbatschows und unterminiere das fragile Gleichgewicht in Mitteleuropa, das seit 1945 den Frieden gesichert hatte.

Sie blieb in einer negativen Sicht auf Deutschland gefangen, die im Zweiten Weltkrieg wurzelte und sich aus historischen Vorbehalten speiste, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten. Für Thatcher bestimmten nicht einzelne Führungspersönlichkeiten das Schicksal der Völker, sondern unveränderbare Nationalcharaktere. Und der deutsche Volkscharakter war ihrer Meinung nach von Angst, Aggressivität, Durchsetzungswillen, Rücksichtslosigkeit, Rührseligkeit und Minderwertigkeitskomplexen geprägt. So steht es im Protokoll des Deutschlandseminars, das Thatcher im März 1990 auf ihrem Landsitz in Chequers abhielt und das im Anhang des Dokumentenbandes abgedruckt ist.

Derartige Klischees dienten zur Orientierung in einer Krise, die vertraute Wegweiser wie den Ost-West-Gegensatz des Kalten Krieges weggespült hatte. Auch Mitterrand nahm bei historischen Analogien Zuflucht, um Ordnung in eine unübersichtlich gewordene Gegenwart zu bringen. Dies belegen zwei faszinierende Aufzeichnungen, in denen Thatchers außenpolitischer Chefberater Gespräche des französischen Präsidenten mit der britischen Premierministerin am Rande des Straßburger EG-Gipfels Anfang Dezember 1989 und im Pariser Elysée-Palast Mitte Januar 1990 festhielt. In Straßburg fühlte Mitterrand sich in die 1930er Jahre zurückversetzt, als es Großbritannien und Frankreich schon einmal nicht gelungen sei, dem stürmischen Vorwärtsdrang der Deutschen etwas entgegenzusetzen. In Paris malte er als mögliche Reaktion auf deutsche Gebietsgewinne das Bild eines russisch-französisch-britischen Dreierverbandes an die Wand: „Und dann wären wir alle zurück im Jahr 1913.“

Der listenreiche Mitterrand konnte sicher sein, mit derartigen Reminiszenzen bei Thatcher offene Türen einzurennen. Er deutete jedoch zugleich an, dass er keine Möglichkeit sah, die deutsche Einheit zu verhindern. Schließlich seien weder Franzosen und Briten noch Russen bereit, Deutschland wie 1914 den Krieg zu erklären.

Freilich war nicht Thatchers größere Prinzipientreue für ihre hartnäckige Weigerung verantwortlich, eine rasche Einheit zu akzeptieren, sondern Mangel an Alternativen. Anders als für Mitterrand kam für die skeptische Britin eine Vertiefung der europäischen Integration zur Einhegung deutscher Macht auf keinen Fall infrage. Durch ihre Unbeweglichkeit in der Europapolitik, so lautet eine zentrale These der Einleitung des Dokumentenbandes, habe Thatcher letztlich britischen Interessen geschadet. Denn sie schloss einen bilateralen Handel aus, wie Mitterrand ihn offensichtlich mit Kohl über die Entkopplung von europäischer Währungsunion und Politischer Union vereinbarte.

Betrachtet man die britische Europapolitik über Thatchers Sturz im November 1990 hinaus, fragt man sich allerdings, ob ein derartiger Deal wirklich nur an den Vorurteilen der Premierministerin scheiterte. Gab es einen deutsch-britischen Streitpunkt, der ähnlich wichtig war wie die Abhängigkeit des Franc von der D-Mark und sich durch deutsches Entgegenkommen gegenüber London europapolitisch hätte lösen lassen? Zeichnete sich das deutsch-britische Verhältnis nicht vielmehr dadurch aus, dass derartige Reibungsflächen fehlten – und damit auch keine Manövriermasse für ein Geschäft auf Gegenseitigkeit vorhanden war? Darin ähnelte die Lage – auf andere Weise, als Thatcher und Mitterrand annahmen – möglicherweise doch der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Auch damals litten die deutsch-britischen Beziehungen nicht an konkreten Konflikten; die Interessen waren jedoch so verschiedenartig gelagert, dass sich kaum Gelegenheit für einen Tauschhandel ergab. Geschichte wiederholt sich nicht, soll Mark Twain einmal gesagt haben, aber manchmal reimt sie sich.

Documents on British Policy Overseas, Serie III, Band VII: „German Unification 1989-1990.“ Herausgegeben von Patrick Salmon u. a.. Routledge, Abingdon 2009. 522 Seiten, £ 75.

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