Bedrohtes Kulturerbe : Der Kreml liegt gleich um die Ecke

Immer wieder werden russische Kulturdenkmäler durch illegale Bauarbeiten in Mitleidenschaft gezogen. Das Ikonospassky-Kloster hat sich bereits um fünf Prozent zur Seite geneigt und ähnelt nun dem Turm von Pisa.

Moritz Gathmann

Das „Komitee für das Kulturerbe der Stadt Moskau“ hat einen schweren Stand. Um den Konsumhunger der Russen zu stillen, bauen Investoren an jeder Straßenecke über- und unterirdische Einkaufszentren. Dabei kommt ihnen das architektonische Erbe manchmal in die Quere – bis im Zweifelsfall ein korrupter Beamter ein Auge zudrückt.

So dreist wie die Firma Stargrad hat es allerdings noch niemand getrieben. Nur wenige Schritte vom Kreml und vom Roten Platz entfernt hat das Unternehmen begonnen, eine Unterführung zum dreistöckigen Einkaufszentrum mit 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche auszubauen. Damit brachten sie nicht nur mehrere Kulturdenkmäler ins Wanken, sondern gefährdeten auch die Kommunikationsleitungen des Kreml. Ein Vertrag bestand jedoch lediglich für die Renovierung der Unterführung.

Wie die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ jetzt berichtet, gruben die Bauarbeiter nachts, um kein Aufsehen zu erregen. Das Erdreich deponierten sie nahe der Baustelle hinter einem Zaun. Durch die Arbeiten geriet nicht nur die slawisch-lateinisch-griechische Akademie aus dem 17. Jahrhundert in eine Schieflage, auch das benachbarte Ikonospassky-Kloster hat sich laut Experten um fünf Prozent zur Seite geneigt und ähnelt nun dem Turm von Pisa. Russland hat die Gebäude als Architekturdenkmäler ausgewiesen. Zudem befinden sie sich in der Nikolskaja-Straße, die vom Roten Platz wegführt. Und der wurde samt Kreml und Basilius-Kathedrale 1990 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen. Die Unesco hat die Vorgänge rund um den Roten Platz bereits untersucht und fordert von Russland nun die Einrichtung einer Pufferzone, um das Ensemble wirksam zu schützen.

Dass der Skandal überhaupt öffentlich wurde, ist dem „Komitee für das Kulturerbe“ zu verdanken. Mehrfach hatten dessen Mitarbeiter versucht, den Bauarbeiten auf eigene Faust ein Ende zu setzen, allerdings erfolglos. Bereits im Juni hatte es sich an den Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow gewandt. Der erreichte immerhin, dass sich die Staatsanwaltschaft mit dem Fall beschäftigt. Den Direktor von Stargrad, Boris Petrosjan, hinderte das allerdings nicht daran, die Bauarbeiten weiter voranzutreiben. Am Montag lud das Komitee schließlich die Presse ein, um die Baustelle und die Schäden zu besichtigen.

Immer wieder werden russische Kulturdenkmäler durch illegale Bauarbeiten in Mitleidenschaft gezogen. So wurde 2003 das Moskauer Wohnhaus von Boris Pasternak beschädigt, weil die Besitzer kurzerhand eine zweistöckige gläserne Mansarde angebaut hatten. Nicht zuletzt wegen solcher Vorfälle zeigten sich die Denkmalschützer von der Reaktion des Bürgermeisters zugleich erfreut und verwundert. „Über 200 Beschädigungen von Geschichts- oder Kulturdenkmälern haben wir in den letzten zehn Jahren angezeigt“, erläutert Sergej Sjomkin, Vorsitzender der Russischen Gesellschaft zur Erhaltung von Geschichts- und Kulturdenkmälern. „Aber jedes Mal sagte die Staatsanwaltschaft nur: Alles in Ordnung, es gibt keine Rechtsverletzung.“

Noch hat die Staatsanwaltschaft auch im Fall Stargrad keine Anklage erhoben. Wenn sie es tut, so hofft Sjomkin, könnten die schiefe Akademie und das bedrohte Kloster zum Präzedenzfall für künftige Klagen der Denkmalschützer werden. Moritz Gathmann

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