Kultur : Beethoven zum Jubiläum des Mauerfalls in der Berliner Staatsoper

Sybill Mahlke

"Über Sternen muss er wohnen" - keine Hoffnung ist stärker, keine Sehnsucht größer, keine Wunschlandschaft ferner. Die neunte Symphonie Beethovens steht für die Berührung der Kunst mit dem Transzendenten. Sempre pianissimo manifestiert sich zuletzt dieses ". . . muss er wohnen", es kostet mehr Anstrengung, die hohe Intonation der Frauenstimmen im Leisen zu verteidigen als folgend den kontrapunktierten Schwung des "Seid umschlungen". Dass der taube Beethoven die Uraufführung selbst dirigiert und mit allen Unsicherheiten zugleich autorisiert hat, ist Ausgangspunkt einer Rezeptionsgeschichte, die stets ein Moment des Außerordentlichen, auch des Außermusikalischen mitführt. Die Neunte ist ein Silvesterstück, weil sie offenbar Geister vertreiben und Träume erfüllen kann. Ihre Utopie steht mit der des "Fidelio" in Verbindung, der gespielt wird, wo auf real existierende Unfreiheit zu reagieren ist, und berührt sich auch mit der lebendigen Gegenwart, wenn ein menschliches Elysium erreicht zu sein scheint. Es geht daher nicht unbedingt gegen die Natur des Wunderwerks, dass Leonard Bernstein zu Weihnachten 1989 in West und Ost "Freiheit schöner Götterfunken" singen lässt. "Alle Kräne werden Brüder", formuliert Lothar Heinke im Tagesspiegel, als 1996 unter dem Dirigat Barenboims auf dem Potsdamer Platz Richtfest gefeiert wird. Diese Musik hält jede Loslösung vom Hintergrund des Erhabenen aus, jede Gaudi, um dennoch das Wunschdenken zu transportieren, dass alles gut wird.

Das "Konzert zum 10. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer" entscheidet sich, nicht ungewöhnlich für Daniel Barenboim, im Adagio. Hier musiziert ihm die Staatskapelle hochmotiviert entgegen und zugleich dolce, während der Dirigent die Holzbläser hegt. Das Adagio ist die Erfüllung. Die beiden Melodien lassen den magischen Augenblick ein. Das ist mehr als der Anfang aus dem Nichts, der raunender klingt als Günter Wands Bruckner, und die wuchtigen Rezitative des Finalsatzes, denen jedoch ein zauberhaftes Fagottsolo zum Thema der tiefen Streicher antwortet. Das Scherzo hetzt nicht und ist eine Wonne mit dem Paukenschlag. Im Solistenquartett mit Anne Schwanewilms und Rosemarie Lang sind Thomas Moser und Matti Salminen, gerade vom Münchner "Fidelio" (!) abgekommen, sinnstiftende Interpreten ihrer Partien. "Über Sternen" - der von Eberhard Friedrich auf Präzision gerichtete Staatsopernchor kennt keine Probleme.

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