Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker : Stählerne Härte

Die Philharmoniker beschließen den ersten Durchgang ihres Beethoven-Zyklus mit der Neunten Symphonie.

von
Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle
Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon RattleFoto: dpa

Die leeren Quinten als Ursuppe des musikalischen Universums, der Schöpfung erster Tag? Beim Finale zur ersten Runde im Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker ist’s nur eine kurze Morgenröte, und schon besinnt sich der Kopfsatz der Neunten seiner Vortragsbezeichnung „un poco maestoso“. Wobei Simon Rattle das „un poco“ beherzt ignoriert. Auch der Neunten verleiht er stählerne Härte, mit durchweg pointierter Artikulation, dicht gesetzten Akzenten und jenem gestischen Zugriff, der Rattles Beethoven-Interpretation ohnehin prägt.

Wobei der Philharmoniker-Chef diesmal noch unerbittlicher zu Werke geht: jeder Impuls ein Stromschlag. Im zweiten Satz nehmen die Musiker jede einzelne hastige Viertel so knapp wie nur möglich, es entstehen knochige, ihres Klangs entkleidete Töne, mit unwirschen Fortissimo-Punktierten am Anfang des Vivaces und noch unwirscheren Oktavsprüngen am Ende. Rattle erkundet die Mechanik der Beethoven’schen Energieerzeugung, verwandelt die Neunte in ein Manifest der Vergeblichkeit. Die ins Chaos mündenden Fugati, die sportliche Phrasierung, die grimmige Lautstärke, die abrupten dynamischen Wechsel, Wut, Verzweiflung, volle Kraft voraus – und die Musik kommt doch nicht vom Fleck.

Ein Chor wie eine Orgel

Der Rundfunkchor fügt sich da bestens ins Bild. Eherne Soprane, abgründige Bässe, ein massiver, dennoch wendiger Klangkörper, eine Orgel menschlicher Stimmen. Vergessen die Haydn-Anklänge der Ersten und noch der Achten; Bruckner, das Ende der Symphonie, die Moderne, sie ist zum Greifen nah. Rattle betont die Spannbreite von Beethovens Symphonik, schüttet das Kind jedoch mit dem Bade aus. Der kantable Mittelteil des Vivace, die Wechselgesänge der Streicher mit den Holzbläsern im Adagio, der langsam heranmarschierende Freudenzug bis zum Tenorsolo „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ im Finalsatz, das nuancierte Jubel-Quartett der Solisten (Annette Dasch, Eva Vogel, Christian Elsner, Dimitry Ivashchenko) – jeder individuelle Ausdruck wird im Kollektiv untergepflügt.

Vielleicht will Rattle es so: Beethoven abstrakt. Im Gesamtbau des zerklüfteten Werks leuchtet es dennoch nicht ein, die Neunte türmt keineswegs nur Tsunami- Wellen übereinander. Einzige Ausnahme sind jene 24 Takte, in denen die Kontrabässe das „Freude, schöner Götterfunken“-Thema erstmals ungestört anstimmen dürfen. Ein zartes, berückendes Solo, Rattle nimmt es pianissimo, als fernen Klang von einem anderen Planeten. Womöglich ist es den Philharmonikern um diesen einen Moment zu tun. Jedenfalls begibt sich Rattle zu den Kontrabassisten und dankt ihnen persönlich, gleich zu Beginn des Jubels.

Noch einmal am 16.10. (ausverkauft)

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben