Kultur : Beethoven-Zyklus: Getänzelt

Sybill Mahlke

Die Wiener Philharmoniker sind eine Spezies für sich. So sind sie beispielsweise das einzige Orchester, das auf den Plakaten der Salzburger Festpiele namentlich erwähnt wird, während die Konkurrenz - ob aus Chicago, München oder Berlin - einfach nur "Gastorchester" heißt. Auch eine Goldbarrenmünze "Wiener Philharmoniker" gibt es, herausgegeben von der österreichischen Nationalbank. Die berufenen Musikpropheten wissen, was sie nicht nur international, sondern auch im eigenen Land gelten. Daher haben die Wiener Philharmoniker gute Nerven, und es gibt keinen Grund, diesen Wert nicht vorurteilsfrei anzuerkennen. Der Schalmeienton ihrer Holzbläser und der Seidenglanz ihrer Streicher lassen sich nur selten erschüttern. Was ihren Berliner Beethoven-Zyklus angeht, so sitzen sie auf dem Podium der Philharmonie wie die Seelenruhe selbst. Eine entschieden munterere Optik bietet dagegen Simon Rattle, der Maestro ohne Beschränkung. Und aus dieser Diskrepanz mag sich ergeben, dass der Dirigent zum Pantomimen wird, um nebenbei zu verraten, welche Kunststücke er vorzuführen gedenkt. Die vierte Symphonie pendelt sich zwischen Mozartnähe und Romantik ein. Hier wie darauf auch in der Siebten wird das Drama der Übergänge von langsamer Einleitung zum Vivace theatralisch ausgespielt. Das raunende Pianissimo im Allegretto verführt zu einer Sanfheit der Stimmung, die ohne Geheimnis bleibt. Wie dolce das Trio klingt, so zierlich bewegt sich die Dirigentenhand. Der starke Beethovensche Willensimpuls, die innere Haltung, dass in dieser Musik alles angespannt ist, geht dem Finale eher ab. Aber Sir Simon triumphiert als Solotänzer - in der "Apotheose des Tanzes".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben